Manchmal gruselt es mich schon

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Manchmal läuft es mir eiskalt den Rücken runter, nachdem ich gelesen habe, was mir Leser zu einem Artikel geschrieben haben. Bei dieser Mail war das der Fall, denn der Absender hat mir seine Meinung zum Artikel "Das Schweben der Anderen" heute auf der Seite Zeitgeschehen mitgeteilt. In der Reportage geht es um die beiden Familien, denen zehn Jahre vor dem Fall der Mauer mit einem Ballon die Flucht in den Westen gelang. Was mich gruseln ließ: "Das mit dem Mauerfall alle Bestrebungen auf einen erneuerten Sozialismus, der am 4. November auf dem Alexanderplatz noch einmal auf der größten Demonstration der DDR beschworen wurde, schnell hinfällig wurden, soll im Gedenken an die Wende unter allen Umständen getilgt werden", schrieb der Leser und etwas später noch dies: "Die Verheißung für DDR-Bürger wird allein in der neuen Freiheit des Mauerfalls beschrieben und die weitere Entwicklung bis zur überstürzten Einheit als unvermeidlich angesehen – die Sieger schreiben die Geschichte." 

Kaum hatte ich mich von diesem Schreck erholt, meldete sich ein anderer Leser, um mir zu erzählen, was er von unserer Berichterstattung über die aktuelle Entwicklung beim Kampf gegen die Pandemie hält, folgenden Ratschlag sollte ich meinen Kollegen in der Redaktion übermitteln: "Seien sie Christ und nicht politischer Moralist bzw. sturer Untertan einer Staatsdoktrin, denn das hatten wir schon zweimal." Nachdem ich das dann auch so einigermaßen verdaut hatte, wollte der nächste Anrufer in der Leitung mich davon überzeugen, dass dies ein Skandal und deshalb der Recherche wert ist: "Ich habe gerade im Internet gelesen, dass das Virus doch auch über das Blut weitergeben werden kann und dass diese Tatsache geheim gehalten wird, weil sonst das ganze System des Blutspendens kollabieren würde und vielen Menschen sterben müssten, weil es in den Krankenhäusern keine Blutkonserven mehr gibt." (Unter uns: Ich meine Kollegen nicht über diesen Anruf informiert, bitte nicht weitersagen.)

Und dann passierte etwas, das ich eigentlich nicht für möglich gehalten habe, so unwahrscheinlich erschien es mir, denn nach diesen drei (fragwürdigen) Hinweisen und Kritikpunkten habe ich mich tatsächlich über diese Frage gefreut, weil sie mir ein kleines Stück an Normalität zurückgebracht hat: "Was glauben Sie, wie viel Prozent Ihrer Leser damit etwas anfangen kann?", wollte der Mann in der Leitung von mir wissen, nachdem er in einem Bericht über ein Treffen von Schatzsuchern das als Synonym gebrauchte Wort "Geocacher" gelesen hatte. (In meiner Sammlung von Anglizismen übrigens die laufende Nummer 37.)

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