Von Lügen und Blähungen

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Meistens freue ich mich darüber, wenn Leser versuchen, einem ernsten Problem eine heitere Note abzugewinnen, doch oft kommt es leider auch vor, dass ich nicht wirklich weiß, ob sie das, was ich gerade gehört habe, ernst meinen oder ihnen eher der Schalck im Nacken saß bei dem, was sie mir mitteilen wollen. Weil das seit mehr als zehn Jahren so ist, hinterfrage ich dieses Phänomen nicht, sondern berichte nur von Zeit zu Zeit darüber.

Episode 1: Nachdem er viel über Verschwörungstheoretiker und querdenkenden Spaziergängern nachgedacht hatte, ist einem Leser so etwas wie die Erleuchtung gekommen, und er hat das seiner Ansicht nach beste Mittel gegen solche Leute gefunden, weshalb er es, damit die ganze Welt davon erfährt, mir mitgeteilt hat, er meinte: "Was hilft gegen die Verbreitung von Halbwahrheiten und Lügen? Meine Methode: Ich tische den Betroffenen noch größere Lügen auf, damit sie deren Absurdität erkennen. Zum Beispiel sagte ich kürzlich einigen Verschwörungsgläubigen, dass ich als Major des chinesischen Geheimdienstes das Coronavirus mit erfunden hätte. Und - man glaubte mir, einer stellte sogar Strafanzeige gegen mich wegen geheimdienstlicher Tätigkeit für eine fremde Macht."

Episode 2: Auch bei dieser Erkenntnis eines anderen Lesers bin ich mir sicher, wie groß der Anteil daran ist, die der Mann, der sie mir verraten hat, wirklich ernst meint, trotzdem möchte ich sie nicht für mich behalten: "Leider ist der Mensch kein Virus. Wäre er dies, würde er das tun, was uns das Virus täglich lehrt. Er würde nur im Interesse seiner Spezies und der Erhaltung seines Lebensraums handeln. Warum ist das Virus so konsequent vernünftig? Weil es keine Medien konsumiert. Dadurch kann es sich ungetrübt von jeglicher Politik, Philosophie, Religion, feinsinnigen Feuilletons oder anderen menschlichen Geistesblähungen auf das konzentrieren, was es am besten kann: Es geht viral."

Episode 3: Bei dieser Kritik eines Lesers an dem Artikel "Fernseher werden immer größer" heute auf der Seite Rat & Leben habe ich zuerst schmunzeln müssen, weil ich dachte, der Mann könne das nicht ernst meinen, bevor ich mich eines Besseren besinnen musste, denn das, was ihm in die Nase gefahren war, fand er alles andere als lustig. Dieser Satz hatte seinen Ärger ausgelöst: "Im Bereich der Großfernseher ab 55 Zoll Bildschirmdiagonale gab es sogar einen Zuwachs von 32 Prozent." Der Mann wollte von mir wissen: "Warum können wir uns nicht endlich von den USA loslösen, denn in Amerika ist Zoll offenbar eine gängige Maßeinheit, und von Zentimetern schreiben, wenn es um die Diagonale eines Bildschirms geht?" "Gute Frage", habe ich geantwortet und bekannt: "Eine Antwort habe ich nicht, aber ich werde mal Onkel Max bitten, eine zu recherchieren." Hinterher fiel mir ein, dass ich seit etwa 24 Jahren nicht mehr Zollstock sage, wenn ich eine "Schmiche" meine, schreibt man das so? Das sächsische Wort für Gliedermaßstab? Oder etwas "Schmiege"? Ich bin überfordert ...

Episode 4: Ich dagegen habe noch einmal schmunzeln dürfen, weil ein Leser, der mir sonst seit Jahren schon seitenlange Abhandlungen über das Verhältnis des Westens und der Nato zu Russland und Wladimir Putin schickt, sich zu den aktuellen Spannungen zwischen den Akteuren eines vermeintlich neuen Kalten Krieges mit nur drei Zeilen bei mir gemeldet hat, er meinte: "Ist es nicht unverschämt, dass Russland seine Truppen auf eigenem Territorium bewegt und platziert? USA und Nato machen das vor allem auf fremden Territorien. Die Russen sind einfach nicht lernfähig."

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