Eher heiter als gelassen

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Als Einleitung für meine Randnotizen aus den Protokollen der Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf möchte ich daran erinnern: Ich bin immer noch ein großer Freund und Anhänger der heiteren Gelassenheit als eine Antwort auf die Frage, warum sich die Menschen in diesen schwierigen Zeiten nicht um die wirklichen Probleme kümmern, sondern sich noch vielmehr als zu früheren Zeiten aufmachen, um in der Suppe nicht doch noch vielleicht ein Haar zu finden. Warum mir dieser Hinweis wichtig ist? Klare Antwort: Manchmal esse ich mehr von meiner dunklen Trostschokolade, als mit guttut. In diesem Sinne:

Episode 1: "Können Sie mir mal erklären, aufgrund welcher Kriterien und nach welchen Modalitäten nach einer Bundestagswahl die Koalitionen zur Bildung einer Regierung zustande kommen?", fragte mich ein Leser und löste damit bei mir sofort den Alarm "Fangfrage" aus, weshalb ich nicht darauf einging, sondern sagte: "Bitte sagen Sie mir, worauf Sie hinaus wollen, sonst würde ich lieber …" An dieser Stelle unterbrach mich der Mann und meinte: "Da sehen Sie, Sie kennen die Antwort, ich kenne das Verfahren, nur Armin Laschet verlang vom SPD-Kandidaten, eine der möglichen Koalition schon vor der Wahl auszuschließen, dass piept mich aber so was von an, wie hier die freie Wahl der Bürger beeinflusst werden soll." Widersprochen habe ich dem Leser nicht, zugestimmt aber auch nicht, sondern nur tief ein- und ausgeatmet.

Episode 2: Ein weiteres Gespräch, das ich vollständig und im genauen Wortlaut wiedergeben kann bis zu dem Zeitpunkt, ab dem ich mehr als nur zwei Worte zu sagen wagte. Los geht's: "Heute ist der September. "Ich weiß." "Ein besonderer Tag." "Ich weiß." "Seit vielen Jahrzehnten schon." "Ich weiß." "Viele Menschen verbinden mit diesen Tag schreckliche Erinnerungen." "Ich weiß." "Gerade in unserer Zeit ist er ein ganz wichtiger Tag." "Ich weiß." "Kein einziges Wort heute in der Zeitung über den Weltfriedenstag." "Ich weiß, aber …"

Episode 3: Nach Ansicht eines Anrufers (männlich) sind meinen Kollegen (weiblich und männlich, divers so weit mir bekannt ist nicht) bei der Recherche über die Umstände für die Ehrung von Theo Müller (geschätztes Vermögen rund 3,3 Milliarden Euro) ihrer Verpflichtung zu einer investigativen Aufklärung in dieser Sache, dass ein Steuerflüchtling mit der höchsten sächsischen Auszeichnung gehrt wurde, nicht nachgekommen, weshalb er jetzt darüber nachdenkt, das Lesen der "Freien Presse" und den Bezug der Zeitung einzustellen. Eigentlich ist es nur eine Information, die er in den Berichten darüber vermisst hat, was aber dazu geführt hat, dass er sich maßlos darüber aufregt und jetzt keine Ruhe findet. Als er mir sagte, was ihn so in Rage bringt, war der drohende Unterton nicht zu überhören: "Wer ist eigentlich auf diese Idee gekommen, ich will das wissen, (v…) nochmal, sonst finde ich keine Ruhe. Und dann werde ich ihm …"

Episode 4: Mit 7,3 auf der nach oben offenen S-Skala (S wie Skandal) habe ich den Hinweis einer Anruferin bewertet, die sich bei mir wegen eines Fotos in einer der Lokalausgaben gemeldet hatte, weil sie es ungeheuerlich findet und der Meinung ist, dass dieses Bild niemals hätte veröffentlicht werden dürfen angesichts dessen, was zu sehen ist: Ein junge Frau erhält die erste ihrer beiden Schutzimpfungen gegen Corona von einer Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes – "und diese Frau trägt keine Maske, ist das zu fassen?" Das war wieder einer der Momente, an dem ich nicht daran vorbeikam, mir selbst die Frage zu stellen: Was kommt früher – das Ende der Pandemie oder das meines Arbeitslebens? Ganz ehrlich? Nicht mehr lange, nur noch ein paar Monate, und ich kann endlich die VMS-Seniorenkarte nutzen.

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