Nun denn, wer lesen kann ...

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Der mit Abstand häufigste Satz, den ich denke, aber niemals sage, wenn ich mit Leuten am Telefon über Artikel in der "Freien Presse" spreche, ist dieser: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Heute war das gleich bei zwei Gesprächen der Fall, von dem einen darf die eine Frau jetzt gleich zu Wort kommen, weil die andere aus dem gleichen Grund und mit dem gleichen Hinweis auf das Fernsehprogramm von gestern Abend (Sender unbekannt) bei mir angerufen hatte. Die eine Leserin also fragte mich: "Warum haben Sie auf dem Foto unten auf der Titelseite die Männer abgeschnitten? Gestern Abend habe ich es vollständig im Fernsehen gesehen, also da waren die Männer eindeutig mit drauf." Mein Dilemma war dies: Entscheide ich mich dafür, ihr die Sache zu erklären, dass es in dem Artikel gerade darum geht, warum die Kerle nicht abgebildet sind, laufe ich Gefahr, dass es zu kompliziert wird und ich nicht verstanden werde, also wählte ich (bei beiden Frauen) diese Variante: "Bitte beachten Sie die Überschrift 'Schnipp, schnappp' und lesen sich den Artikel noch einmal aufmerksam durch, und wenn Sie dann noch wissen wollen, warum die Männer der Grünen nicht zu sehen sind, rufen Sie mich noch einmal an." Beide waren einverstanden, beide haben sich nicht noch einmal gemeldet. Für diese Ironie möchte ich mich schon mal vorsichtshalber entschuldigen. Zynisch? Realistisch. Oder? Was heute sonst noch bemerkenswert war:

Offenbar ziemlich aufgeregt (unter anderem erkennbar an der fehlenden Struktur des Satzbaus" rief mich ein Mann an und erzählte mir diese Geschichte: "Samstagvormittag, vor zwei Wochen, vor meiner Garage, da habe ich mein Auto gewaschen", teilte er mir mit und fügte hinzu: "Und dann das, können Sie sich das vorstellen? Irgend so ein (…) hat die Polizei angerufen und mich angezeigt, das ist nämlich verboten, sein Auto zu waschen, wissen Sie, und nun, ich fass es nicht, muss ich dafür blechen, also eine Ordnungsstrafe zahlen." Nun hielt sich mein Mitleid in Grenzen, zumal ich nicht weiß, wie die Bestimmungen sind und ich mein Auto (ja, ich weiß, ich habe es immer noch, zweimal im Jahr muss ich tanken) in den vergangenen 40 Jahren nicht ein einziges Mal selbst gewaschen habe, aber ich wollte dann doch meiner Pflicht nachkommen, weshalb ich (brav) die Frage stellte, auf die der Anrufer gewartet hatte: "Und warum erzählen Sie mir das?" Tief Luft holend sagte der Leser dies: "Sie sind gut, junger Mann", hörte ich, weshalb ich ihn (wie immer bei dieser Anrede) mit dem Hinweis "ich bin 62" unterbrach, was er aber gar nicht zur Kenntnis nahm, sondern mit im Brustton der Überzeugung, dass er meine Kollegen beim Begehen eines schweren Fehlers erwischt hat, mir erklärte: "Auf der Ratgeberseite haben Sie heute einen Bericht, in dem es um akkubetriebene Hochdruckreiniger geht, also welche gut und welche schlecht sind, und zu sehen ist ein Foto, wie ein Mann vor seinem Haus mit einem Kärcher sein Auto wäscht." Dann habe ich einen verhängnisvollen Fehler gemacht, der leider auch dazu führt, dass ich von dem weiteren Gespräch mit dem Mann nicht mehr berichten möchte, denn ich stellte diese Frage: "Und?"

Tatsächlich gab es dann noch etwas, worüber ich mich freuen durfte, denn meine Liste mit Anglizismen, die Leute in der Leitung gefunden haben und mich deswegen anrufen, weil sich das ihrer Ansicht gar nicht gehört, wo es doch so wunderbare deutsche Wörter dafür gibt, ist um zwei Einträge gewachsen, was ich erstaunlich finde, den eigentlich war ich davon ausgegangen, dass alle englischen Wörter mittlerweile irgendwann mal zwischen zehn und zwölf zum Gegenstand von Leserkritik gewesen sind, also die fortlaufenden Nummern 61 und 62 sind "News-Anchor" (als Bezeichnung für den bekannten Nachrichtensprecher eines privaten TV-Senders) und "Lost Place" für ein leerstehendes Haus, das zum Objekt der Begierde von Einbrechern geworden war, die meinten, dass das Haus sowieso keinem mehr gehöre, weshalb man ruhig mal etwas von dem "Gerümpel" mitgehen lassen dürfe.

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