Platte? Kein Problem damit

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die Suchfunktion in den nur zur Verfügungen stehenden digitalen Archiv der "Freien Presse" kam zu diesem Ergebnis: In diesem Monat tauchte das Wort bislang in zehn Artikeln und Kommentaren auf, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres waren es rund 80 Berichte, in denen es zu lesen war. Das Programm hat zwar ein paar Sekunden gebraucht, um diese Zahl zu ermitteln, aber in fast 5000 digital gespeicherten Artikeln hatten die Autorin oder der Autor diese Bezeichnung für ein Bauwerk der besonderen Art gewählt. Nun zitiere ich den Satz, der einer Leserin genau wegen dieses Wortes in die Nase gefahren war, weshalb sie mich angerufen und bei mir erst einmal ein bisschen Dampf abgelassen hat. In der Reportage "Schönes Leben noch" ging es um sechs Jugendliche und ihre Sichtweisen auf das Leben von heute und das, was sie wenige Wochen vor der Bundestagswahl denken und fühlen, und der erst Satz des Vorspanns lautete: "Sechs Jugendliche in einem Plattenbaugebiet." Im Bericht selbst fiel das Wort erneut im zweiten Satz: "Es gibt einen Fahrradständer, dunkelgrauen Asphalt und ringsum Plattenbauten aus DDR-Zeiten." Womit ich bei dem Anliegen der Frau in der Leitung angekommen bin:

"Sie trennen immer noch zwischen Ost und West, was ich ganz schrecklich und diskriminierend finde, denn bei solchen Gebäudekomplexen im Westen, die es dort tatsächlich auch gibt, würden Sie in Artikeln niemals von Plattenbauten reden und vermutlich einfach nur Mietwohnungen schreiben", sagte sie und fragte mich: "Wissen Sie überhaupt, dass diese Bauart im Westen von Deutschland erfunden wurde und dann in der DDR nur industriemäßig ausgebaut worden ist?" Dass ich das schon lange weiß, weil ich solche Gespräche über die Bauweise mit Fertigteilen aus Beton seit Anbeginn meiner Seit als Leserobmann führe, habe ich der Leserin ebenso erklärt wie die Tatsache, dass ich beim Nachfragen unter Kollegen, Freunden und Bekannten noch kein einziges Mal jemanden getroffen habe, der die Bezeichnung "Plattenbau" als eine Abwertung des Lebens in der DDR gewertet und dafür ausgesprochen hat, diesen Begriff künftig nicht mehr zu verwenden. Und stellvertretend für alle, denen ich speziell diese Frage gestellt hat, zitiere ich als Beleg für diese unverkrampfte Einstellung immer diesen einen Redakteur: "Natürlich habe ich früher auch in der Platte gewohnt, das war normal, das haben doch die meisten, und alle waren froh, wenn sie überhaupt eine solche Wohnung bekamen", hatte er gesagt und mir erklärt, dass diese verkürzte Form der Fertig-Elemente-Bauweise seiner Meinung nach zu den Menschen im Osten einfach passt und sich niemand darüber ärgern muss, dass sie immer noch im Sprachgebrauch vorhanden ist. Die Anruferin war damit nicht zu überzeugen, sie sagte: Einmal noch, und ich werde mir eine andere Zeitung suchen müssen." 

Weitere Blog-Einträge