Wie (eigentlich vorgesehen) gibt es auch heute zum Wochenausklang die Randnotizen aus den Protokollen meiner Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf. Allerdings ist diesmal etwas anders, und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich es auch so formulieren darf: Mit kommen diesmal die Episoden vor wie eine Sammlung von mehr oder weniger ausgeprägten Absurditäten. Los geht's:

Episode 1: Das war eine klare Ansage, deutlicher kann man ein Thema nicht formulieren: "Ich habe in den letzten 20 Jahren rund ein Dutzend Mordanschläge von Auftragsmördern der Polizei und des Verfassungsschutzes überlebt", formulierte der Mann sein Anliegen und fragte mich: "Sind Sie an meiner Geschichte interessiert? Dann schicken Sie einen Reporter vorbei." Zwei Möglichkeiten boten sich mir. Erstens: Ich bin ehrlich und sagte, was ich von dem Angebot wirklich halte. Zweitens: Ich sage dem Leser, dass ich es an die Kollegen weiterleite mit der Bitte zu prüfen, ob eine Recherche und ein anschließender Artikel in der Zeitung in Erwägung gezogen werden könnte. Wie ich mich entschieden habe? Der Mann und ich haben uns freundlich voneinander verabschiedet.

Episode 2: "Als freie und gleichberechtige Meinungsäußerung möchte meine folgende Aussage verstanden wissen", leitet ein Leser ein, was er mir anschließend (wörtlich) so mitteilte: "Ein imposantes Beispiel der Gleichheit von Mann und Mann mit internationalem Zuschnitt. Ich folge aber gern aus klassisch-biologischer Einsicht der Erkenntnis von Papst Franziskus, dass man von einer Familie nur bei einer Beziehung von Mann und Frau sprechen kann, obwohl ich kein Katholik bin." Damit bezog er Stellung zu der Reportage "Wir sind die Neuen in Berlin" über den neuen US-Botschafter, wozu ein Bild veröffentlich wurde mit dieser Unterzeile: "Foto hat Daniel Funke (links) auf Twitter veröffentlicht – er ist Büroleiter der Zeitschrift 'Bunte' in Berlin und der Mann von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (zweiter von rechts). Mit dabei bei diesem 'Dinner mit Freunden', wie es heißt, sind: Richard Grenell, Botschafter der USA in Berlin (zweiter von links), sein Mann Matt Lashey sowie die Hundedame Lola." Insgesamt sieben Leser hatten sich deshalb bei mir gemeldet, wobei ich vier eindeutig als homophobe Zeitgenossen bezeichnen würde, weshalb die zitierte Meinungsäußerung von allen sieben die (noch) harmloseste war. Man möge mir die Frage stellen, ob mir mein Job immer Spaß macht, ich würde darauf gern antworten.

Episode 3: Dies ist meine ganz persönliche Meinung, unter meinen Kollegen in der Redaktion sind längst nicht alle Kollegen der gleichen Ansicht und haben eine andere Einstellung, doch meine ist diese: Wenn man einen Musikkritiker zu einem Konzert von Helene Fischer schickt, um darüber zu schreiben, der jedoch Schlagermusik nicht ausstehen beziehungsweise nicht ernst nehmen kann, muss man sich nicht wundern, wenn eine schlechte Rezension die Folge ist, über die sich dann die Fans der Sängerin aufregen und sich bei mir melden; sieben waren es insgesamt, die etwas zu dem Artikel "Wackelndes Herz" auf der Seite Kultur am vergangenen Montag zu sagen hatten. Die freundlichste Äußerung war diese: "Für manche ist das uninteressant, mich stört das total. Helene ist auf einem VW-Amarok durch das Stadion gefahren und nicht (wie beschrieben) auf einem VW-Bus." In der Liste an der zweite Stelle steht angesichts des noch als konstruktiv zu bezeichnenden Hinweises diese Reaktion eines Lesers: "Ich war als kein Fischer-Fan selbst zum Konzert und war wie die 40.000 Besuchern begeistert. Was die Autorin da vom Stapel lässt, kann man nur mit Weiberneidverhalten erklären. Ist nur schade, dass man so etwas auch noch druckt." Die fünf anderen Meinungen mag ich nicht zitieren, ich bitte um Nachsicht.

Episode 4: Durchschnittlich so alle drei bis vier Tage schicken mir Leser ein Foto, von dem sie meinen, dass ihnen da ein besonders schönes Motiv gelungen ist, das es verdient hätte, in der Zeitung veröffentlicht zu werden. Meistens schreiben sie ihre Kontaktdaten dazu, vervollständigt durch den Hinweis, wohin man das Honorar schicken soll, wenn es das Foto in die Zeitung geschafft hat. In dieser Woche hat mich ein Bild erreicht von jemand, der sich nicht vorgestellt hat und dessen Mailadresse auch keinen Rückschluss auf seinen Namen zuließ. Damit jedermann einschätzen kann, was den Reiz meines Jobs ausmacht, veröffentliche ich dieses Foto ausnahmsweise einmal:

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