Dies ist eine Art von Gewissenkonflikt, von dem mir eine Leserin heute am Telefon erzählt hat, den ich besonders gut nachvollziehen kann, weil ich ihn jedes selbst mehrmals am eigene Leibe erfahre und ihn mit mir ausmachen beziehungsweise einen Weg daraus finden muss. Zum besseren Verständnis dessen, worum es gleich geht, möchte ich daran erinnern, dass ich zum letzten Mal über dieses Phänomen geschrieben habe, als ich schilderte, dass ich nie weiß, ob ich die städtischen Mitarbeiter, die im Herbst immer mit diesen Laubbläsern mir zum einen auf die Nerven gehen und zum andere eine echt schlimme Umweltsünde begehen, ansprechen und ihnen ihr unverzeihliches Handeln vor Augen halten sollte; ich könnte auch den Oberbürgermeister anrufen und ihm den Vorschlag machen, die Investition für Laubrechen in den nächsten Haushalt mit einzuplanen, aber dabei käme ich mir doch ein bisschen komisch vor, weil ich eigentlich davon ausgehen möchte, dass die für solche Themen verantwortlichen Mitarbeiter in seinem Team von allein auf diesen Gedanken kommen sollten. Das heutige Thema weist einige parallelen auf. Die Frau in der Leitung bat mich, doch einmal einen Artikel mit diesem Inhalt in die Zeitung zu setzen:

"Weil ich weiß, dass ich mich ab nächste Woche wieder fürchterlich darüber ärgern werde, sollten die Menschen erfahren, dass sie, wenn sie einen Garten haben, nicht einfach die Abfälle zu einem Haufen aufschichten und anzünden können, wobei ihnen klar sein sollte, dass der dabei entstehende Qualm erstens allen in der Windrichtung liegenden Nachbarn nicht nur buchstäblich in die Nase fährt und zweitens auch noch unter anderem wegen des entstehenden Feinstaubs eine Umweltsünde sind", sagte sie und fügt hinzu, weil ich nach der Rechtslage gefragt hatte, wie es sich offenbar in Sachsen verhält: "Gartenabfälle dürfen zu bestimmten Zeiten nur dann verbrannt werden, wenn sie nicht anderweitig entsorgt werden können wie beispielsweise durch kompostieren, unterpflügen, untergraben, schreddern, häckseln oder einfach nur liegen lassen. Alternativ müssen sie zu einer Entsorgungsanlage gebracht werden, und nur dann, wenn eine solche zu weit entfernt ist, dürfen sie dem Feuer überlassen werden." Die Frau meinte, wenn sie einen solchen aus der Zeitung ausgeschnittenen Artikel in der Hand halten und ihn den Nachbarn zeigen könnte, dann würde ihr dies leichter fallen. Denn die für solchen Ordnungswidrigkeiten zuständigen Behörden zu alarmieren und die Übeltäter also mehr oder wenigen anzuzeigen, würde sie dann doch nicht übers Herz bringen.

Ich kenne dieses "moralische" Dilemma, das sich einem in den Weg stellt, wenn man das Verhalten von Zeitgenossen kritisiert, ihnen aber nicht die Ordnungsmacht auf den Hals hetzen will. Meins sieht so aus: Jedes Jahr steige ich an dem Sonntag, an dem die Uhren von der Normal- auf die Sommerzeit umgestellt werden, in die Radsaison ein; das auch dieses Jahr vor vier Tagen so, nun allerdings habe ich dem Wetter geschuldet schon wieder eine Pause einlegen müssen. Aber in der Woche nach Ostern genehmige ich mir immer eine kurze Arbeitsauszeit und düse mit dem Rennrad durch die Landschaften. Und ich möchte wetten: Auch dieses Jahr werde ich nahezu bei jeder Tour durch große Qualmwolken fahren müssen, weil ich überwiegend den ländlichen Raum für meine Trainingseinheiten nutze und über die Dörfer fahre und während dieser Ausfahrten garantiert immer irgendein Garten- oder Hofbesitzer sein Feuer anzündet und biologisch abbaubare Abfälle lieber verbrennt, als sich fachrecht zu entsorgen. Und immer frage ich mich: Soll ich mal anhalten und dem Verursacher eine Weile etwas vorhusten? Sollte ich mal meine Brille abnehmen und ihm die Tränen zeigen, die ich nicht aus Trauer wegen dieses frevelhaften Verhaltens vergieße, sondern weil der Rauch in meinen Augen brennt? Was würde ich zur Antwort bekommen? Was würde passieren, wenn es sich um einen Hundebesitzer handelt, der seinen Vierbeiner darauf trainiert hat, Haus und Gut gegen Eindringlinge zu verteidigen? Sollte ich es drauf ankommen lassen, dass ich schneller beschleunigen kann als ein (der Ausdruck sei mir verziehen) ein Kläffer? Nein, bislang bin ich tapfer weitergefahren, aber ich weiß, dass ich mir die nächsten Wochen doch oft die Frage stellen werde: Anhalten und dem Ärger mal Luft verschaffen? Einmal auch ich und nicht immer nur die anderen?

Weitere Blog-Einträge