Seit dem ersten Auftreten vor acht Jahren nenne ich es das "Känguru-Phänomen". Damals war auf der Titelseite der "Freien Presse" ein Foto zu sehen, das zeigte, wie ein Känguru auf einem Strohballen sitzt, umgeben von Wasser, ein rettendes Ufer in weiter Ferne. Dieses Titelbild sollte auf eine besonders emotionale Weise die Tragweite des verheerenden Hochwassers im Nordosten von Australien deutlich machen; keine leidenden Menschen oder Schäden an Gebäuden, sondern ein einzelnes, sich selbst überlassenes Tier, das in die Kamera blickt. Die Zahl der Anrufer, die sich wegen dieser Aufnahme bei mir beschwert haben, lag weit im zweitstelligen Bereich, denn die Leute waren sich einig: Ein Tier, das offenbar ein bedauernswertes Schicksal erlitten hat, so darzustellen, das man auf die Idee kommen könnte, solche Attribute wie "ach wie niedlich" oder "süß, nicht wahr?" bei der Beschreibung zu benutzen, ist etwas, das gar nicht geht und "mit seriösem Journalismus" nichts zu tun hat. Damals habe ich das Foto verteidigt, weil es beim Betrachter durchaus Gefühle weckt, auf die es ankommt, wenn es um die Beschreibung von Auswirkungen einer Flutkatastrophe geht. Der bislang größte Kübel mit Asche als Folge dieses '"Känguru-Phänomens" ist über mich und meine Kollegen in der Redaktion ausgeschüttet worden, nachdem (ausgerechnet) auf der Titelseite der "Freien Presse" ein Bericht zu lesen war über einen Fuchs, der im Winter in der teilweise zugefrorenen Donau eingebrochen war, das natürlich nicht überleben konnte, und dann der Weltöffentlichkeit als Eisblock präsentiert wurde, was den Redakteur zur Überschrift "Ausgefuchst" anregte, während er ganz zum Schluss die Redewendung "dumm gelaufen" schrieb und sich als Bildunterschrift zu diesem Satz hinreißen ließ: Der Engländer würde sagen: „Fox on the rocks“. Warum ich davon erzähle? Darum:

Es geht um diesen Artikel: "Eichhörnchen eingeklemmt: Feuerwehr muss mit Gullydeckel zum Tierarzt". Meine Kollegen haben das Foto am vergangenen Freitag auf der Seite "Aus aller Welt" gezeigt (siehe oben) und dazu die Überschrift "Hilfe!" geschrieben, was bei mir am Telefon zwischen zehn und zwölf den Stein (am gleichen Tag und auch heute noch) erst recht ins Rollen gebracht hat, denn sich auf Kosten eines offenbar leidenden Eichhörnchens lustig zu machen, ist für manche Tierfreunde offenbar etwas, was "sich einfach nicht gehört". Dass am Samstag dann sogar in der Zeitung die Nachricht "Gully-Eichhörnchen geht es besser" zu lesen war, konnte ich zwar anbringen, damit an der grundsätzlichen Kritik wenig ändern und sie auch nur wenig entschärfen. "Das war ja wohl das Mindeste", meinte eine Anruferin. Ich gebe zu, ich bin verwirrt: Darf man wirklich nicht mehr schmunzeln über solch ein tierisches Missgeschick, dass zudem noch glimpflich ausgegangen ist? Ist das Leben nicht ernst genug, als dass ich auf solche Nachrichten ganz verzichten sollte? Restlos sprachlos gemacht hat mich dieser Hinweis: "Kriege werden geführt, Menschen aus politischen Gründen ermordet, und die Zeitung schreib über Eichhörnchen, die von der Feuerwehr gerettet werden müssen." Ich gerate ins Grübeln, Ich brauche Rat.

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