Es mag vielleicht so klingen, als würde ich diesem Phänomen mit Gelassenheit und möglicherweise sogar mit Humor begegnen können, aber das ist nicht der Fall, weshalb ich mich heute, da es gleich drei Mal während meiner "Sprechstunde" aufgetreten ist, entschieden habe, mal wieder darüber ein paar Worte zu verlieren. Um diese drei Themen ging es bei den Gesprächen mit Lesern:

"Ich möchte Sie mal fragen, warum ich davon noch nichts in der Zeitung gelesen habe", leitete der Mann in der Leitung die Unterhaltung mit mir ein, bevor er mir erkläre, dass mittlerweile feststehe, dass das Gift, das bei dem Anschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia eingesetzt worden war, gar nicht aus Russland stammt, sondern aus Beständen der Streitkräfte der USA, Großbritanniens und anderer Nato-Staaten. Woher er das weiß, wollte ich von dem Mann in der Leitung wissen, und bekam zur Antwort, dass der russische Außenminister Sergej Lawrow dies bekanntgeben habe. "Und woher haben Sie diese Information?" fragte ich weiter. Seine Antwort: "Im Internet gelesen." Da ich das Thema keinesfalls unter den Tisch fallen lassen wollte, blieb ich hartnäckig und hakte nach: "Geht es etwas genauer, können Sie mir die Seite nennen?" Seine Reaktion hat mich dann doch verblüfft und das baldig Ende des Gesprächs eingeleitet: "Das weiß ich nicht mehr, da müssen Sie schon selbst recherchieren, die Arbeit kann ich Ihnen nicht abnehmen."

Der zweite Leser hatte sich an mich gewandt, nachdem er die Nachricht "Privates Vermögen auf Rekordhoch" in der Zeitung gelesen und dabei erfahren hatte, dass bis Ende 2017 das Geldvermögen der privaten Haushalte im Vergleich zum Vorjahr um knapp fünf Prozent auf den Rekordwert von 5857 Milliarden Euro gestiegen sei. Er meinte: "Wollen Sie die Arbeitslosen, Harz-IV-Empfänger, Kleinrenter und Geringverdiener vera... oder nur provozieren?" Sein nächstes Argument war dann tatsächlich "entwaffnend" für mich, ich habe es nur noch zur Kenntnis genommen: "Wenn Sie mal bei Google nachsehen, werden Sie merken, dass nur die reichsten 19 Millionäre Deutschlands 272 Milliarden Euro besitzen." Dazu habe er in der Meldung nichts gelesen, das sei seiner Meinung nach ein Versäumnis. Ganz ehrlich? Ich habe nicht bei Google nachgeschaut, die Information aber (wie immer) an meine Kollegen weitergegeben.

"Verbraucherschützer fordern Steuer für überzuckerte Getränke" lautete der Artikel, zu dem ein Leser mir in einer Mail seine Meinung mitgeteilt hatte, doch war sein Leserbrief nicht veröffentlicht worden. Ich habe ihm den Grund erklärt: "Sie schreiben, dass die Verbraucherschützer sich besser um ein Verbot von als Pflanzenschutzmittel getarnte Herbizide oder (deutlicher gesagt) Herbizide kümmern sollen und nicht um höhere Steuern auf Zucker, und dass diese Gifte es sind, die für das Bienen- und Insektensterben und damit für die sinkenden Bestände an Singvögeln und anderen Nutztieren verantwortlich sind." Der Mann hat mir nicht widersprochen, dann wollte ich wissen: "Und woher wissen sie das, dass die Verbraucherschützer sich nicht darum gekümmert haben?" Seine Antwort bringt mein Dilemma auf den Punkt, und ich gehe davon aus, dass ich dazu nichts weiter erklären muss, zumal ich auch keine Ahnung habe, wie ich es aus der Welt schaffen könnte. Der Leser meinte: "Ich habe im Internet keine Information darüber gefunden."

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