Vor drei Tagen ist es wieder einmal passiert, und es war so knapp wie schon lange nicht mehr: Während meiner abendlichen Trainingsrunde mit dem Rennrad nähere ich mich (in Frankenau, einem Ortsteil von Mittweida im Landkreis Mittelsachsen) einer Kuppe, als ich höre, wie sich von hinten ein Auto nähert und mich trotz der vor uns liegen Steigung überholen will. Zur Klarstellung: Der Fahrer kann(wie ich) maximal zehn Meter weit bis zum Ende  der Erhebung schauen und auf eventuellen Gegenverkehr achten. Als das Fahrzeug dann auf gleicher Höhe mit mir ist, kommt uns tatsächlich ein Auto entgegen, und wir sehen es beide, als es die Kuppe gerade überqueren will. Der Fahrer neben mir zieht sein Auto (vermutlich instinktiv, weil er eine Kollision vermeiden will) nach rechts, ohne aber dabei zu achten, dass sich neben ihm ein Radfahrer befindet. Weil ich eine solche Situation mehr oder weniger regelmäßig erlebe, hat sich auch bei mir im Unterbewusstsein die Handlungsanweisung festgesetzt, in diesem Moment auch mein Rad nach rechts zu lenken und auf den unbefestigten Straßenrand auszuweichen, den es hier zum Glück gab, weshalb es zwar äußerst eng war, ich aber meine Sportmaschine in der Spur halten konnte und nicht zu Fall kam. Ob sich der Mann hinter dem Lenkrad des Pkw neben mir anschließend umgedreht und geschaut hat, ob ich gestürzt bin? Nein, hat er nicht, er ist ohne weitere Regung weitergefahren. Warum ich davon erzählt habe? Deshalb:

"Weil doch gerade so viel über die Neuregelung der Rechte und Pflichten für Radfahrer geredet wird, würde ich Ihnen gern schildern, was ich gestern erlebt habe, darf ich?", fragte mich eine Leserin; sie durfte und erzählte: "Auf der Landstraße näherte ich mich zwei nebeneinander fahrenden Radfahrern. Sie bemerkten mich und fuhren dann hintereinander weiter, so dass ich überholen konnte, ohne einen Stau zu verursachen. Das war vorbildlich, ich habe mich sehr darüber gefreut, weil ich oft genug das genaue Gegenteil davon erlebe." Bevor ich überhaupt die Gelegenheit hatte, darauf zu antworten, sprach sie weiter und nannte mir den eigentlichen Grund für ihren Anruf: "Wenn mehr oder sogar alle Radfahrer so viel Rücksicht nähmen, würden sie vermutlich weit weniger von den Autofahrern angefeindet, als das momentan offenbar der Fall ist." Sie mögen doch bitte nicht nur auf ihre Rechte pochen, sondern sich auch besinnen, dass es Regeln gibt und sie Pflichten haben. An dieser Stelle war dann für mich der Punkt erreicht, an dem ich mich entschieden habe, nicht mehr nur Leserobmann sein zu wollen, sondern auch ein Radfahrer sein zu dürfen, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht und sagt, was er von dem hält und wie er dazu steht, was er da gerade gehört hat. Meine ersten Worte waren diese: "Vor ein paar Tagen ist es wieder mal passiert ..."

Ein wirklich versöhnlichen Abschluss haben die Frau in der Leitung und ich bei unserer Unterhaltung nicht gefunden, denn sie hat mir noch von einer ganzen Reihe an Vorkommnissen erzählt, bei denen sich Radfahrer wie Rowdys benommen und nicht nur Autofahrer bedrängt, sondern auch Fußgänger gefährdet haben. Und ich habe ihr erklärt, dass ich bei meinen Touren mitunter im Sekundentakt auf der Landstraße von Autos überholt werde, die sich trotz des Gegenverkehrs einen Teufel darum scheren, dass sie zu mir einen Mindestabstand von anderthalb Meter einhalten müssten und an mir vorbeifahren mit einer Distanz, die eher bei einem halben Meter liegt. Was ich von Autofahrern halte, die einfach nur deshalb auf die Hupe drücken, damit ich noch weiter nach rechts an den Straßenrand fahren soll, weil sie sonst nicht überholen können, habe ich der Leserin auch nicht verschwiegen.

Diesen Blogeintrag habe ich aus einem anderen Grund als gestern geschrieben, es handelt sich um ein Geständnis: Weil ich meine (natürlich auch von Emotionen beeinflusste) Einstellung gegenüber Autofahrern kenne und zu dem einen oder anderen (Vor-)Urteil auch stehe, habe ich dafür Verständnis, wenn sie nicht weniger emotional über Radfahrer schimpfen und deren Verhalten im Straßenverkehr kritisieren, doch hilft uns das beiden nicht weiter, weil ich keinen Weg kenne, wie man aus diesem Dilemma herauskommt, dass man gegenseitige Rücksichtnahme weder mit  Verordnungen festlegen oder Gesetzen erzwingen, noch durch Appelle an die Vernunft in größerem Maße als bislang erreichen kann. Und das bedauere ich in der Tat außerordentlich.

Weitere Blog-Einträge