Eine Leserin hat mir heute diese Frage gestellt, und es klang so, als würde sie das Gewissen eines jeden als Instanz hinzuziehen wollen, um sie zu beantworten: "Ich esse gern Kartoffelsalat. In meinem Supermarkt habe ich zwei zur Auswahl; der eine befindet sich in einem kompostierbaren Behälter, der andere in einer Plastikschale. Der in der weniger umweltfreundlichen Verpackung schmeckt mir ganz eindeutig besser. Weshalb ich jetzt von Ihnen, nachdem ich Ihre Kolumne gelesen habe, wissen möchte: Soll ich tatsächlich einen mir einen nicht so gut schmeckenden Kartoffelsalat kaufen, nur weil ich meiner grünen Seele einen Gefallen tun und mich in diesem Sinne besser fühlen möchte?" Weil ich diese Zwickmühle selbst gut kenne, obwohl ich (fleischlosen) Kartoffelsalat nur esse, wenn er hausgemacht ist, habe ich ehrlich geantwortet: "Ich entscheide mich auch immer für das, was ich lieber esse, aber ich achte darauf, dass der Plastikmüll dann immer tatsächlich in der Wertstofftonne landet." Die Frau in der Leitung meinte, mich ertappt zu haben: "Und da glauben Sie jetzt wirklich, dass man die Menschen über den Geldbeutel dazu bewegen könnte, weniger in Kunststoff verpackte Lebensmittel zu kaufen, wenn es schon über den Geschmack nicht funktioniert?" Eigentlich war ich mir sicher, dass man diese beiden Parameter nicht miteinander vergleichen kann, doch bereits der Versuch, mit der Anruferin eine tiefer gehende Diskussion darüber zu führen, führte dazu, dass ich dies hörte: "Ich wollte das einfach mal loswerden, vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben."

Vier weitere Leser haben sich wegen meiner Kolumne "Kurz, aber viel Unmut" heute bei mir gemeldet. Diese eine Meinung finde ich bemerkenswert: "Auch ich bin der Meinung, dass man Menschen am wirksamsten über den Weg des Geldbeutels zu einem gesünderen und umweltbewussteren Leben bewegen kann. Daher halte ich die steuerliche Förderung des Dieselkraftstoffes für nicht mehr zeitgemäß. Der Verbrauchsvorteil des Dieselmotors wird durch den Kauf größerer Autos (SUV) und durch höhere gefahrene Geschwindigkeiten auf der Autobahn wieder mehr als ausgeglichen. Noch schlimmer ist die komplette Steuerbefreiung von Flugzeugtreibstoff, die zum Boom des Massenferntourismus mit all seinen negativen Auswirkungen auf Natur und Weltklima führt."

Fünf Lesern habe ich seit Montag zugehört, weil sie mir ihre Meinung zu der Berichterstattung über die massiven Zusammenstöße zwischen Palästinensern und der israelischen Armee als Folge der international umstrittenen Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem sprechen wollten; 52 Palästinenser waren von Soldaten erschossen worden, mehr als 2400 Menschen wurden verletzt. Schon immer, wenn es um den Nahostkonflikt ging und die Anrufer der Meinung waren, dass die Berichterstattung in ihrer Tendenz zu einseitig sei (und das auf beide Seiten bezogen), habe ich mich in meiner Argumentation, dass meine Kollegen immer um größtmögliche Objektivität bemüht sind, eher immer zurückgehalten, weil ich schon früh die Erfahrung gemacht habe, dass die Wahrnehmung von Informationen gerade bei diesem Thema unausweichlich eine höchst subjektive ist und dass ich dem nur wenig entgegensetzen kann. Tatsächlich sprachlos aber hat mich diese Äußerung gemacht, die ich dann auch nur zur Kenntnis genommen habe: "Israel ist das von Gott auserwählte Volk, das ist hinlänglich bekannt und das sollte die Welt endlich auch akzeptieren, vor allem aber Ihre Zeitung", meinte eine Leserin.

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