Die Stimme klang forsch: "Ich habe an einem Gewinnspiel teilgenommen und jetzt festgestellt, dass ich mit meinem Anruf offenbar einen Vertrag abgeschlossen habe, bin ich da bei Ihnen richtig?" fragte die Leserin, stellte sich mit dem Zusatz "schon älter" vor und schwieg. Die folgende Unterhaltung möchte ich, weil das für das bessere Verständnis meiner Ansicht nach keine schlechte Idee ist, wörtlich wiedergeben, wobei ich darauf verzichte, die Äußerungen jedes Mal zu kennzeichnen, denn die verteilten Rollen sind, denke ich, eindeutig verteilt. Also:

 

"Nein."

"Warum nicht?"

"Ich bin nur für redaktionelle ..."

"Aber Sie sind der Obmann?"

"Das ist richtig, aber nur für ..."

"Und Sie kümmern sich, nicht wahr?"

"Stimmt, doch ich ..."

"Also, das Gewinnspiel lag in Ihrer Zeitung bei, also helfen Sie mir jetzt."

 

(An dieser Stelle schwieg ich kurz, um nachzudenken, denn ich hatte zwei Möglichkeiten: Der Frau klarmachen, dass sie bei mir falsch ist und sie damit verärgern oder zumindest zu enttäuschen, oder doch erst einmal zuhören mit der Hoffnung, ihr vielleicht doch einen Tipp geben zu können; ich entschied mich für die zweite Variante.)

 

"Was ist Ihr Problem?"

"Ich möchte widersprechen, also den Vertrag widerrufen."

"Und?"

"Schriftlich und mit Einschreiben."

"Das stimmt, besser ist das."

"Und nun brauche ich Ihre Hilfe."

"Wobei?"

"Beim Formulieren, ich weiß nicht, was ich da schreiben soll."

"Na, dass Sie dem Vertrag widersprechen, sich auf das Widerrufsrecht berufen, Datum des Abschlusses dazu und dann ..."

"Schon klar, aber die Worte dazwischen wollen mir nicht so recht einfallen, und deshalb dachte ich, dass Sie ..."

"Haben Sie Internet?"

"Nein."

"Kennen Sie jemanden, der Internet hat?"

"Nein."

"Wohnen Sie noch allein oder in einer Einrichtung."

"Was denken Sie von mir, natürlich wohne ich allein und das ..."

"Schon gut, ich habe nur gedacht, dass vielleicht ..."

"Schon gut, ich weiß, was Sie meinen, betreutes Wohnen und so."

"Genau."

"Brauche ich nicht, nur jetzt jemanden, der mir beim Formulieren hilft, und da dachte ich eben, dass Sie ..."

"Verstehe, einen Augenblick bitte."

 

(In diesem Moment habe ich mich dazu entschieden, was ich gelegentlich schon mal mache, der Frau zu helfen, einen Widerspruchstext im Internet zu suchen, ihn auszudrucken und mit der Post zuzuschicken. Das habe ich ihr also vorgeschlagen.)

 

"..."

"Also, was sagen Sie dazu?"

"..."

"Kein guter Vorschlag?"

"Schon, aber ..."

"Spätestens übermorgen wäre der Brief bei Ihnen."

"Schon, aber ..."

"Was?"

"Können Sie mir den Text nicht einfach vorlesen? Und ich schreibe mit? Aber bitte nicht so schnell, und ich muss erst mal meine Brille suchen."

 

Etwas eine Viertelstunde später war das Gespräch dann beendet. Und ich musste an den Fragebogen denken, den mein Lieblingsradiosender MDR Kultur immer mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen vorlegt. Es gibt da nämlich diese eine Frage: Wann war Ihre letzte gute Tat?

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