Immer wieder fragen mich meine Kollegen, ob all das, was sie in meinen Blogeinträgen lesen können, auch tatsächlich so passiert ist, oder ab ich auch manchmal meiner Fantasie freien Lauf lasse, wenn ich von den Gesprächen mit Lesern zwischen zehn und zwölf berichtet. Meine Antwort ist immer dieselbe, und meine Formulierung meine ich jeder Beziehung respektvoll gegenüber den Leuten, die mich anrufen: "Das ist der ganz normale Wahnsinn, und deshalb kannst Du mir glauben, dass ich mir noch niemals etwas ausgedacht habe." All diesen Kollegen sowie den Lesern meiner Blogeinträge, die ähnliche Zweifel haben, nun diese drei Unterhaltungen von heute innerhalb einer Stunde, für die es (ausnahmsweise) tatsächlich Zeugen gibt.

Episode 1: "Mich irritieren die vielen Doppelkreuze in der Zeitung", meinte ein Anrufer und bekräftigte seine Kritik weiter: "Seit einigen Monaten kommen sie immer häufiger vor, das nervt ganz schön." Noch mehr schnellte sein Ärgerpegel in die Höhe, weil ich von ihm wissen wollte, was genau er mein, wenn er von Doppelkreuzen spreche. "Als ehrlich, junger Mann, Sie müssen doch wissen, was ein Doppelkreuz ist", war ein starkes Indiz dafür, dass ich seine Geduld nicht weiter auf die Probe stellen durfte. Also gab ich kurzer Hand "Doppelkreuz" in die Suchmaschine ein und wusste sofort, worauf der Anrufer hinauswollte: "Ach, Sie meinen einen Hashtag", sagte ich, was zur Folge hatte, dass der Mann in der Leitung nun erst recht sauer war, weil eine prinzipielle Abneigung gegen Anglizismen hat, deren Auswirkungen ich nach meinem "kommt aus dem Englischen" lautstark zu spüren bekam. Trotzdem gab ich mir große Mühe dem Leser, der mir mehrmals erklärte, dass er mit dem ganzen Internet-Sch... nichts zu tun haben will, zum einen zu erklären, wie Twitter funktioniert, sowie zum anderen zu umschreiben, was ein Hashtag und ein Tweet sind. Dass seine Verabschiedung alles andere als freundlich war, muss ich wohl nicht extra betonen.

Episode 2: "Mich stört die dauernde amerikanische Musik im Radio, vor allem beim MDR", sagte ein Anrufer und schwieg. "Aber wir sind eine Tageszeitung, wie spielen keine Musik ab, sondern drucken Artikel und Fotos", erwiderte ich und fragt nach: "Warum also haben Sie bei uns angerufen?" Offenbar war auch dieser (gleichfalls schon) etwas ältere Herr heute mit dem falschen Fuß aufgestanden, denn sein Unterton war alles andere als freundlich beziehungsweise respektvoll, als er mir erklärte: "Das ist doch ganz einfach: Sie machen eine Umfrage und erkunden, wie vielen anderen Menschen dieses englische Gedudel auf die Nerven geht. Dann schreiben Sie einen Artikel darüber, denn die Leute beim MDR dann lesen und vielleicht mal darüber nachdenken, dass sie etwas ändern und mehr deutsche Lieder spielen sollten." Versprochen habe ich ihm dies: "Ich gebe ihren Vorschlag mal an die Kollegen in der Redaktion weiter."

Episode 3: Auch diese Anruferin habe ich am Ende nicht wirklich helfen können, was zur Folge hatte, dass sie mich am Ende fragte: "Und an wen müsste ich mich denn wenden?" Die Leserin hatte sich bei mir gemeldet, weil mit einigen Artikeln auf der Seite "Kultur" in den vergangenen Monaten nicht einverstanden war: "Manchmal sind die Artikel über die Premieren im Opernhaus und im Schauspielhaus einfach viel zu kritisch, und deshalb habe ich stark den Eindruck, dass ihre Kollegen dazu verpflichtet werden, unbedingt das eine Haar in der Suppe noch finden zu müssen", sagte sie und wollt dies von mir wissen: "Muss das denn sein? Die Sänger und Schauspieler geben sich doch immer so viel Mühe, und dieses ewige Nörgeln haben sie wirklich nicht verdient." Da ich mich bei diesem Thema zu den Experten zähle, habe ich ihr (ungefähr drei Minuten lang) erklärt, was bei einer Rezension eines Theaterstücks oder einer Oper die journalistische Aufgabe ist. Sie hat sich das alles in Ruhe angehört und mich ausreden lassen, bevor sie dann dies sagte, nach ich mit meinen Ausführungen fertig war. "Trotzdem." Am Ende hat sie mir versichert, dass sie dem Kulturchef und dem Chefredakteur jetzt einen Brief schreiben wird.

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