Bevor ich zum eigentlichen Thema dieses Blogeintrages komme, gilt es ein Jubiläum zu feiern: Um kurz nach elf erreichte mich heute der hundertste Anruf eines Lesers, der mir seinen Kummer klagen wollte, weil er "innerhalb kurzer Zeit bereits zum dritten Mal" eine auf der Titelseite der Zeitung aufgeklebte Werbekarte nur so abziehen konnte, dass das Papier ein beschädigt wurde und er auf der Vorderseite einen und auf der Rückseite sogar zwei Sätze nicht vollständig lesen konnte. "Was kann man da machen?" fragte er mich und bekam von mir diese Antwort: "Versuchen Sie bitte, den Sinn der fehlenden Wörter zu erschießen, in dem Sie der Satz davor und den danach zur Grundlage nehmen, und wenn das nächste Mal ..." Weiter kam ich nicht, denn der Mann fiel mir ins Wort, seine Erwiderung begann mit dieser Einleitung: "Junger Mann, jetzt hören Sie mir bitte mal zu. Ich bin ..." Wie die Sache ausgegangen ist? Wie 99 Mal zuvor, aber das verrate ich nicht, denn es gibt höhere Mächte, denen auch ich mich beugen muss; die Klebegarte fällt in deren Zuständigkeitsbereich.

Insgesamt neun Personen haben sich heute an mich gewandt, um mir ihre Meinung zu meiner Kolumne "Bitte mit Respekt" auf der aktuellen Seite "Leserforum mitzuteilen. Um es vorwegzunehmen: Alle haben mir zugestimmt, dass dieser Appell, gegenüber der Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch am Freitag ein würdiges Verhalten an den Tag zu legen, ein richtiger ist, wenn auch die Hoffnung, dass er bei den Demonstranten am Freitag auf offene Ohren stoßen wird, eher gering ist. Diese Leser möchte ich stellvertretend zitieren:

"Ihre Kolumne drückt aus, was zu beklagen ist - der mangelnde Respekt im Umgang miteinander und der Verlust der Würde, nicht des Erniedrigten, sondern des Erniedrigenden. Auch fällt einem Hildegard Knef ein: Dass es gut war, wie es war, das weiß man hinterher, dass es schlecht ist, wie es ist, das weiß man gleich. Und noch weiter ein Spruch meines Vaters: Manch einer ersetzt durch Heftigkeit, was ihm an Geist und Überlegung fehlt. Das beharrliche Eintreten von Angela Merkel für die Europäische Einigung ist große Friedenspolitik. Gegner sind oft lauter als Freunde."

"Meinen herzlichen Dank und besonderen Respekt dafür, diese eigentliche Selbstverständlichkeit als eindringliche Erinnerung und direkten Aufruf rechtzeitig vorher so zu Papier an die Leserinnen und den Leser gebracht zu haben. Hoffentlich lesen es viele Menschen und handeln danach. Für mich selbst ist es eher beschämend, dass es einer solchen Aktivität bedarf."

"Mein Respekt zur heutigen Kolumne. Möge sie fruchten, allein mir fehlt der Glaube."

Abschließend heute noch etwas in eigener Sache: Liebe treue Leserin, vielen herzlichen Dank für die fünffache sechzigprozentige Möglichkeit, mich selbst trösten zu können. Ich würde mich gern persönlich dafür bedanken und mich deshalb über einen Anruf freuen, was vor allem meinem Bauchgefühl besonders guttun würde.

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