Genau 21 Minuten und 36 Sekunden hat heute das Gespräch mit einem Leser gedauert, der mich angerufen hatte, weil er ein Problem hat und sich von der Zeitung erhofft, dass sie ihm dabei hilft, es zu lösen. Außergewöhnlich lang war die Unterhaltung nur aus einem Grund: Der Mann in der Leitung wollte nicht einsehen, dass zum einen die "Freie Presse" oder (nach meinem Dafürhalten) auch kein anderes Blatt ihn bei der Klärung seines Falls eine Unterstützung anbieten kann, und zum anderen meiner Ansicht nach eigentlich er darüber nachdenken sollte, ob er vielleicht einen Fehler gemacht hat, der dazu geführt hat, dass ihm diese "schlimme Sache" passiert ist. So hat es sich verhalten, eigentlich gar nicht kompliziert:

Der Leser hat einen Oldtimer in seinem Besitzt gehabt, den er verkaufen wollte, weil es nicht mehr fahrbereit war und die Reparaturen ihm zu teuer gewesen wären. Deshalb hat er einen Händler, der in der "Freien Presse" eine Anzeige aufgegeben hatte, in der er nach alten Autos und vor allem Oldtimern sucht, angerufen und ihn zu sich eingeladen, um das gute Stück zu sehen und zu begutachten. Der Aufkäufer ist auch gekommen, hat sich das Auto angeschaut und war zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein hoffnungsloser Fall sei und nur noch für dekorative Zwecke zu gebrauchen sei; er hat dem Leser 2500 Euro dafür angeboten, der Mann hat akzeptiert, der Verkauf kam zustande, und niemand war unzufrieden. Bis der Leser einige Tage später durch Zufall auf einer Verkaufs- und Versteigerungsplattform im Internet seine ehemalige Blechkarosse wieder entdeckte, weil der Händler, der sie gekauft hatte, dort zum Verkauf anbot. Und jetzt aufgepasst: Der Oldtimer sollte 10.000 Euro kosten. Der Leser fiel aus allen Wolken und fühlte sich betrogen, was ihn dazu veranlasste, bei der Zeitung anzurufen und zu sagen: "Sie müssen mir helfen, ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll, das ist doch eine riesengroße Sauerei."

In diesem Fall war es tatsächlich ein Streitgespräch, das ich mit dem Mann führte, wobei ich mich jetzt nur die Zusammenfassung konzentrieren möchte, weil alles andere den Rahmen meines Blogs sprengen würde. Also, dies war sein Hauptargument: "Ich lebe mittlerweile in einer Demokratie und muss vor solchen Menschen geschützt werden, was bedeutet, dass ich mich jetzt dagegen wehren darf und Anspruch auf jemanden habe, der mir dabei hilft." Mein Gegenargument: "Es gibt kein Gesetzt, dass mich davor schützt, bei einer Verkaufsverhandlung durch falsche Behauptungen übers Ohr gehauen zu werden. Ich muss selbst aufpassen, dass das nicht passiert." So sind wir dann mehr oder weniger unversöhnt auseinander gegangen: Der Mann wird sich jetzt ans Fernsehen und Radio wenden, auch Deutschlands größte Boulevard-Zeitung will er in Kenntnis setzten, bevor er sich dann bei meinem Chef über mein Verhalten ihm gegenüber beschweren wird. Ob das alles mir jetzt die Sorgenfalten ins Gesicht treibt? Nein, mit dem gleich folgenden Punkt werde ich es dort in meinen Gehirnwindungen ablegen, wo ich es spätestens beim Verlassen meines Büros in den Feierabend vergessen werde. Und das ist gut so.

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