Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich mittlerweile alle zu DDR-Zeiten gebräuchlichen (und für diesen Staat möglicherweise typischen) Begriffe zumindest einmal gehört oder gelesen zu haben. Das war aber ein Irrtum, den nun hat mich ein Leser mit einer solchen Bezeichnung überrascht. Der Mann, der sich wegen des Artikels "25 Milliarden für Sanierung von Bahnbrücken nötig" bei mir gemeldet hatte, meinte nämlich: "Leider gibt es die Bonzenschleuder nicht mehr, und Politiker, die regelmäßig von Bonn nach Berlin fliegen oder sonst wie im Land unterwegs sind (und dafür niemals die Bahn nehmen würden), merken rein gar nichts von irgendwelchen Problemen." Zunächst war ich davon ausgegangen, dass die "Bonzenschleuder" ein nur mal eben so heraus gerutschter Begriff war, bis ich von dem Mann eines Besseren belehrt wurde: Denn Ende der Siebzigerjahre wurden in der DDR die Städteexpresszüge eingeführt, die vor allem von Verantwortung tragenden Personen für Dienstreisen benutzt wurden, die zwischen den Bezirksstädten und Berlin pendeln mussten. Der Leser informierte mich weiter: "Generaldirektoren der Kombinate, Parteikader und Kommunalpolitiker wurden dazu verdonnert, ihre Dienstreisen mit diesem Städteexpress abzuwickeln. Wer in Suhl residierte, musste zeitig aufstehen, wer aus Magdeburg anreisen konnte, durfte länger schlafen." Nun hätte ich hier in meinem Blog nicht davon berichtet, hätte sich die "Bonzenschleuder" einfach wieder aus meinen Gehirnwindungen verabschiedet; hat sie aber nicht, und so komme ich nicht daran vorbei, hier zu bekennen, dass ich den Leuten, die mich häufig anrufen, weil in der DDR wahrlich nicht alles schlecht gewesen sei, in diesem Punkt zustimmen muss: Ich halte es für eine wirklich gute Idee, die "Bonzenschleuder" wieder zu reaktivieren und mehr oder weniger regelmäßig pendelnde Politiker und Regierungsbeamte dazu zu verpflichten, nicht in das Flugzeug zu steigen oder den Dienstwagen zu nutzen, sondern in einen Zug zu steigen.

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