Der Mittwoch ist seit Anbeginn meiner Zeit als Leserobmann der Tag, an dem mich viel mehr Leute anrufen, weil sie mir beziehungsweise der Redaktion der "Freien Presse" mehr oder weniger wertvolle Tipps geben wollen; heute waren es insgesamt 11 Gespräche, die ich deswegen zwischen zehn und zwölf am Telefon geführt habe. Allein vier Anrufer hatten nur deshalb meine Nummer gewählt, um mir zunächst einmal mitzuteilen, wie außergewöhnlich gut sie heute die Seite "Leserforum" finden. Und bei allen war ein gewisser Stolz in der Stimme nicht zu überhören, wenn sie Sätze wie beispielsweise diesen sagten: "Wir Sachsen stehen hinter unserem Ministerpräsidenten, das ist gut so, und die ganze Welt soll es erfahren." Den Tipp, den diese vier Leser mir gegeben haben, war immer der gleiche, diese Frau darf ihn nun formulieren: "Die Zeitungsseite mit den Leserbriefen ausschneiden und an alle Bundestags- und Landtagsabgeordneten schicken." Zwei Leser haben auch zuerst das Leserforum gelobt, mir dann aber einen anderen Hinweis zur "Verbesserung der Qualität der Zeitung". Dieser Mann fasste ihn so in Worte: "Jeden Tag solche Leserbriefe ins Blatt setzen, vielleicht ändert sich dann mal was."

Gestern am Tag des Erscheinens waren es vier, heute dann noch einmal drei Leser, die sich bei mir gemeldet haben, um die Sonderausgabe der "Freien Presse" und die Beilage zum Thema "Metall" zu loben und sich bei meinen Kollegen in der Redaktion dafür zu bedanken. Zwei Anrufer warteten außerdem noch mit einem Tipp auf. "Ich habe gerade die Meldung gelesen, dass der Jüdische Weltkongress den Rücktritt des Direktors des Jüdischen Museum in Berlin begrüßt hat", meinte eine Frau und formulierte ihren Vorschlag so: "Wie bei dem Metall könnten Sie doch mal eine Sonderausgabe der Zeitung mit allen großen Religionen veröffentlichen, denn das würde mit Sicherheit für mehr Aufklärung und als Folge davon für mehr Verständnis und Toleranz untereinander führen." Auch dieser Anrufer hatte sich durch einen Artikel in der heutigen Ausgabe zum Nachdenken anregen lassen, weshalb meine Nummer gewählt hatte und meinte: "Sie können Sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich heute über diesen kleinen süßen Spatz in der Zeitung gefreut habe", sagte er, und mir war klar, dass es um den Beitrage "Platz für den Spatz" heute auf der Seite "Zeitgeschehen" geht, der das Thema behandelt, dass Experten fordern, dass die Stadtplanung in Deutschland auch mehr das Wohl der hier lebenden Wildtiere im Auge behalten müsse. Darum ging es dem Mann aber nicht: "Wie bei dem Metall könnten Sie doch mal eine Ausgabe nur den bei uns lebenden Vögeln widmen, und ich bin mir sicher, sie würden damit ganz vielen Lesern Ihrer Zeitung eine große Freude machen."

Die drei noch verbleibenden Vorschläge waren diese, wobei ich den ersten vermutlich (gefühlt) zum dreiundzwanzigsten Mal gehört habe, seit dem dieses Thema aktuell ist, obwohl sich der Leser ganz sicher war: "Schreiben Sie doch endlich mal darüber, dass die Krim schon immer zu Russland gehört hat, und nur weil Nikita Chruschtschow sie 1954 wohl nur aus einer Laune heraus der Ukraine geschenkt hat, gibt es jetzt diesen ganzen Ärger", sagte er und erklärte mir im gleichen forschen Tonfall, dass die Annektierung der Halbinsel durch Putin vor fünf Jahren deshalb keine Vereinnahmung gewesen sei, wie es der Westen gern darstellen würde, weshalb es sich nicht um einen Bruch des Völkerrechts handelt und damit dieses Argument als Grund für die Sanktionen gegenüber Russland nun mal überhaupt nichts tauge.

Diese Leserin zitierte aus einer Ausgabe der Zeitung vom 17. Juni 2013 und wies darauf hin, dass ihr dieser Gedanke gekommen sei, nachdem sie heute meine Kolumne "Trotzdem enttäuscht" gelesen habe, in der es um Gedenktage ging: "Am 17. Juni 1953 gingen in der gesamten DDR eine Million Menschen in mehr als 700 Städten und Gemeinden auf die Straße." Ihr Vorschlag: "Schreiben Sie doch mal Artikel über all die Städte hier bei uns in der Region, wo damals auf die Straße gegangen worden sein soll, denn ich jedenfalls kenne niemanden, der mir jemals davon erzählt hat, dass in seiner Stadt protestiert worden sei." Der kürzeste Tipp heue am Telefon war dieser: "Kaufen Sie sich ein Geschichtsbuch", meinte ein Anrufer und beschränkte sich auch bei seiner Kritik an der Berichterstattung über den D-Day am 6. Juni 1944, der den Auftakt der Befreiung Europas vom nationalsozialistischen Deutschland im Westen markierte, denn er sagt nur noch dies: "Ohne die Russen hätte es diesen Tag damals gar nicht gegeben."

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