Zu den prägendsten Erinnerungen meiner Jugend gehören die autofreien Sonntage während der ersten großen Ölkrise im Spätherbst des Jahres 1973, denn ich sehe mich noch, wie ich mit meinen Freunden auf dem Fahrrad durch die Stadt gedüst bin, wie wir immer mitten auf der Straße fuhren und Kreuzungen überquert haben, als würden wir die Welt erobern wollen. Dass diese Zeit damals für die Bundesrepublik eine der schwersten nach dem Zweiten Weltkrieg war, weiß ich heute, aber damals war uns Kindern das eher egal. Auch haben wir damals uns keine Gedanken darüber gemacht, dass die Experten davon ausgingen, die weltweiten Reserven an Erdöl würden maximal bis zur Jahrtausendwende reichen. Warum ich das erzähle? Weil mir die Bilder von damals besonders lebhaft vor meinem geistigen Auge erschienen sind, nachdem ich heute mit einem Leser ein zwar kurzes, aber meiner Ansicht nach aufschlussreiches Gespräch geführt habe.

"Nachdem ich die Leserbriefe zum Klimawandel und Ihre Kolumne zum gleichen Thema gelesen hatte, bin ich ins Grübeln geraten und habe mir so meine Gedanken gemacht", erklärte er mir und fasste das Ergebnis seiner Überlegungen ebenso knapp wie prägnant zusammen: "Es wird zu viel geredet und demonstriert und zu wenig gehandelt." Dieser Erkenntnis habe ich zunächst uneingeschränkt zugestimmt, was ich dem Mann in der Leitung auch gesagt habe, bevor er mir dann sagte: "Ich würde dies vorschlagen: Ein Bündnis von den unterschiedlichsten Gruppen innerhalb der Umweltschutzorganisationen und aller politischen Parteien und Verbänden spricht sich für ein autofreies Wochenende im Monat aus und appelliert an alle Deutschen, dabei mitzumachen und das Auto einen Samstag und Sonntag lang stehen zu lassen." Geantwortet habe ich dies: "Das ist eine ganz wunderbare Idee, nur befürchte ich, dass selbst wenn solch ein Bündnis zustande käme und eine solche Aktion tatsächlich realisiert und ein solches Wochenende verkündet würde, vermutlich nur eher wenige Menschen in unserem Land sich daran beteiligen würden." 

Was ich dann zu hören bekam, hat mich wirklich überrascht: "Genau das ist es ja, worauf ich hinaus will", sagte der Leser. "Meinen Schätzungen zufolge müssten, wenn sich alle Bürger, die sich gerade bei Demonstrationen oder als Anhänger der Grünen für mehr Klimaschutz stark machen, an einem solchen autofreien Wochenende beteiligen würden, mindestens ein Viertel aller Autos in Deutschland sich an diesen beiden Tagen nicht bewegen dürfen." Weil ich schwieg, fragte mich der Mann: "Sind Sie doch da?" Dann habe ich mich dazu bekannt: "Sie haben vermutlich Recht, hier dürfte es eine erheblich Diskrepanz geben, weil deutlich weniger Menschen sich an der Aktion beteiligen würden, als es zurzeit mehr oder weniger aktive Klimaschützer in Deutschland gibt." Der Anrufer war froh, dass ich ihn verstanden hatte, und sagte: "Ganz genau, auch der Klimaschutz ist ein Problem, bei dem den Leuten das Hemd näher als der Rock ist." Widersprochen habe ich wieder einmal nicht, nur nachdenklicher geworden bin ich.

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