Wer bestimmt, was eine Sekte und was eine Kirche ist?

Bei einer Familienfeier kam kürzlich die Frage auf, wer eigentlich entscheidet oder festlegt, welche Glaubensgemeinschaft eine Sekte oder eine Kirche ist. (Das wollen Martina und Jürgen Otto aus Raschau wissen.)

Ein Humorist, ich weiß nicht mehr, welcher, hat es mal so formuliert: "Kirchen sind Sekten, die Erfolg hatten." Das greift natürlich zu kurz, aber im Kern ist etwas dran. Nüchtern-sachlich betrachtet wird als Sekte normalerweise eine Gruppierung innerhalb einer religiösen Gemeinschaft bezeichnet, die von den grundsätzlichen Ansichten dieser Gemeinschaft abweichende Positionen vertritt und mit den anderen Anhängern dieser Gemeinschaft deswegen im Konflikt steht. Und ja, so gesehen, hat die christliche Kirche ihre Geschichte als Sekte begonnen, nämlich als Untergruppierung von jüdischen Gläubigen, die den Lehren des Jesus von Nazareth folgten. Und daraus ist über die vergangenen 2000 Jahre eine Weltkirche geworden.

Um aber zunächst die Frage der Ottos zu beantworten: Festlegen, was Kirche oder Sekte sei, tut niemand. Und es muss auch niemand tun, da es sich nicht um eine irgendwie rechtsverbindliche Kategorie handelt. Und doch ist als auffällige Erscheinung in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass kein Angehöriger einer noch so kleinen Religionsgemeinschaft diese selbst als Sekte bezeichnen würde. Das hat gute Gründe: In der landläufigen Umgangssprache werden als Sekten oft religiöse Gruppen bezeichnet, die derjenige, der von dem Wort Gebrauch macht, in irgendeiner Weise als gefährlich oder problematisch ansieht oder die in orthodoxer theologischer Hinsicht "Irrlehren" vertreten. Und das wird ein Angehöriger einer solchen Gruppierung kaum je tun. Zumindest nicht, solang er ihr angehört. Sekte - das kommt immer auf den Standpunkt an.

Objektive Merkmale von Religionsgemeinschaften, die landläufig als Sekten bezeichnet werden, sind indes häufig, dass sie gleichsam als Staat im Staate fungieren und die für jedermann gültigen Menschenrechte für ihre Angehörigen einschränken, indem sie etwa deren Bewegungs- oder Meinungsfreiheit beschneiden, ihnen vorschreiben, mit welchen Menschen sie Umgang haben und wie sie sich medizinisch behandeln lassen dürfen, sie wirtschaftlich oder sexuell ausbeuten oder versuchen, sie in psychische Abhängigkeit zu bringen. (tk)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.