Der weltweite Konflikt ums Gas

Russland und die Ukraine haben ihren Streit um den Energietransit entschärft. Doch längst tobt ein globaler Großkonflikt um Pipelines und Spezialschiffe, Fracking und Flüssiggas.

Berlin.

Die sofortige Eskalation ist erst einmal abgewendet. Die Regierungen in Kiew und Moskau haben sich im Prinzip auf einen neuen Transitvertrag für russische Erdgaslieferungen in die EU geeinigt. Letzte offene Fragen werde man "hoffentlich in allernächster Zeit klären", sagte der russische Energieminister Alexander Nowak am Freitag.

Am größten war die Erleichterung allerdings in Brüssel. "Das ist eine großartige Nachricht", freute sich der Vizechef der EU-Kommission Marek Sefcovic, der in dem Konflikt vermittelt hatte.

Die Verhandler standen unter enormem Zeitdruck, denn der geltende Transitvertrag läuft zum Jahresende aus. Vor allem im Osten Europas ging deshalb die Angst vor einem "Gaskrieg" wie zuletzt 2009 um. Damals hatte der Moskauer Energieriese Gazprom die Lieferungen durch die Ukraine eingestellt. In östlichen EU-Staaten fielen mitten im Winter Heizungen aus. Diesmal jedoch stand noch weit mehr auf dem Spiel. Denn der Gasstreit ist längst Teil jenes blutigen Konflikts geworden, der 2014 mit der russischen Krim-Annexion begann und in den Donbass-Krieg mündete.

Die Einigung im Transitstreit dürfte helfen, den heißen Krieg im Osten Europas mit mehr als 13.000 Toten herunterzukühlen. Die gute Nachricht kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter Beteiligung der USA längst ein "Kalter Gaskrieg" im Weltmaßstab tobt. Schlagworte wie Nord-Stream II und Turkstream, Flüssiggas und Fracking zeigen, dass der Ukraine-Transit nur eine unter vielen Streitfragen ist.

Worum geht es? Die wichtigsten Spieler in dem globalen Energiemonopoly sitzen wie zu Zeiten des Kalten Krieges im Weißen Haus und im Kreml. Der Frontverlauf ist im 21. Jahrhundert allerdings sehr viel unübersichtlicher, wie sich in diesen Tagen im zugespitzten Streit um die russisch-westeuropäische Pipeline Nord-Stream II zeigt. In Washington liegt seit Dienstag ein Sanktionsbeschluss vor, den Präsident Donald Trump nur noch unterzeichnen muss. Nach Angaben des Weißen Hauses wollte Trump seine Unterschrift am Freitagabend (Ortszeit) unter ein entsprechendes Gesetz setzen. Greift Trump tatsächlich zum Stift, werde es "krachen", prophezeien russische Kommentatoren. Präsident Wladimir Putin kündigte an, US-Sanktionen "spiegelgleich" zu beantworten.

Das allerdings ist schwer vorstellbar. Denn die geplanten Strafmaßnahmen der Amerikaner richten sich gegen jene Firmen, die mit ihren Spezialschiffen den Bau der Nord-Stream-Pipeline erst möglich machen. 300 von gut 1200 Röhrenkilometern fehlen noch. Ziehen die Betreiber ihre Flotte wie angekündigt ab, um es sich nicht mit den USA zu verscherzen, dürfte sich die Fertigstellung deutlich verzögern. Im Raum steht dann die Frage: Welche amerikanischen Projekte könnte Russland "spiegelgleich torpedieren"? Spiegelverkehrt zum Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts zeigen sich die Fronten in Europa. Während westeuropäische, insbesondere deutsche Unternehmen bei Nord-Stream eng mit Gazprom kooperieren, sind östliche EU-Staaten wie Polen und die baltischen Republiken strikte Gegner. Sie fürchten, Russland könnte ihnen in einem Konflikt den Gashahn zudrehen und über die Ostseepipeline nur noch Westeuropa beliefern. Faktisch sind solche Szenarien zwar unwahrscheinlich, denn Deutschland wäre in einem solchen Fall verpflichtet, die EU-Partner über Ost-West-Pipelines zu beliefern. Aber an den historisch begründeten Ängsten im Osten vor einer Achse Moskau-Berlin ändert das nichts.

Die US-Regierung argumentiert ähnlich. Nord-Stream gefährde die europäische Energiesicherheit, weil sich die EU von russischem Gas abhängig mache und erpressbar werde. Deshalb richten sich die US-Sanktionen parallel auch gegen die Turkstream-Pipeline, die Südrussland ab 2020 mit dem europäischen Teil der Türkei verbinden soll. Dieser Streit erhielt zuletzt zusätzliche Sprengkraft, als der Nato-Staat Türkei in Russland Flugabwehrraketen kaufte. Die USA stornierten daraufhin die geplante Lieferung von F-35-Tarnkappenbombern an die türkische Luftwaffe.

Doch es geht bei alldem nicht nur um Geopolitik oder historische Erblasten. Die USA haben auch starke ökonomische Interessen. Mit dem Boom des sogenannten Frackings, bei dem Gasvorkommen unter Einsatz giftiger Chemikalien aufgebrochen werden, sind die USA zum größten Gasexporteur weltweit aufgestiegen. US-Firmen stehen bereit, im großen Maßstab Flüssiggas (LPG) nach Europa zu liefern. Doch solange preiswerteres russisches Gas durch die Nord-Stream-Röhren strömt, kommen sie kaum zum Zug. Abnehmer wie Polen und Balten, die in ihren Häfen LPG-Terminals gebaut haben, sind zu klein. Den USA geht es um die gesamte EU.

Erdgasleitung Eugal startet am 1. Januar

Der erste Strang der Europäischen Gas-Anbindungsleitung Eugal ist fertig und mit Gas gefüllt. Nach Testtransporten soll am 1. Januar der kommerzielle Betrieb starten, wie der Fernleitungsnetzbetreiber Gascade in Kassel am Freitag mitteilte.

Die Eugal-Leitung verbindet die Erdgasempfangsstation in Lubmin bei Greifswald mit der Gasdruckregel- und Gasmessanlage in Deutschneudorf (Sachsen) nahe der tschechischen Grenze. Dazwischen liegen rund 480 Kilometer Rohre. In Lubmin trifft die geplante Nord-Stream 2 mit russischem Erdgas auf das europäische Festland und Gasnetz. Von dort aus wird das Erdgas über die Pipelines Eugal und Nel (Nordeuropäische Erdgasleitung) in Europa weiterverteilt. Pro Jahr können nach Firmenangaben bis zu 30,9 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert werden.

Nach der Fertigstellung des zweiten Eugal-Stranges soll von Januar 2021 an die volle Kapazität der Leitung von bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich bereitstehen. dpa

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