Grenze: Blitz-Öffnung überrascht alle

Freie Fahrt über die Grenze: Was empfinden Vogtländer und ihre tschechischen Nachbarn? "Freie Presse" hat sich umgehört.

Klingenthal/Ebmath.

Ein Hauch Schabowski lag in der Luft, als Tschechien am Freitagvormittag quasi "unverzüglich" die Grenzen wieder öffnete. Anders als bei der berühmtesten Grenzöffnung der Geschichte 1989 blieb ein Ansturm jedoch erst einmal aus. In Klingenthal waren es zunächst nur einige Fußgänger und Autofahrer, die den nunmehr wieder freien Grenzübertritt nutzten. Keine Spur mehr von den Sperren durch Polizei und Armee, die über Wochen das Bild beherrschte. Weitgehend Ruhe auch auf tschechischer Seite, die meisten Geschäfte und Gaststätten waren noch geschlossen. Einzelne Hinweisschilder verwiesen auf die Wiedereröffnung am heutigen Samstag. Dennoch: Erleichterung war spürbar.

"Endlich, die schlimme Zeit ist vorbei und es wird normal", sagt David Tomeš vom Restaurant Markhausen in Graslitz/Kraslice. "Wir hatten drei Monate geschlossen und haben in der Zeit nur 60 Prozent vom normalen Gehalt bekommen. Gezahlt hat das der Staat. Am Samstag machen wir wieder auf und freuen uns auf viele Gäste." Bereits am Freitag war die zuletzt geschlossene Tankstelle hinter dem Grenzübergang Ebmath wieder offen. Betreiberin Aneta Wunderlichova wurde von der Grenzöffnung kalt erwischt. "Wir waren nicht vorbereitet", gesteht sie. Waren mussten erst wieder herbeigeschafft und eingeräumt werden. Manche Regale blieben noch leer. Alle zehn Mitarbeiter halten zur Stange. "Darüber freue ich mich sehr. Ich hoffe, dass jetzt alles wieder normal läuft", sagt sie.

Darauf setzen auch die Kunden. Einer der Ersten war Udo Stirner aus Weischlitz. "Einmal im Monat fahre ich zum Tanken rüber", erzählt er. Außerdem kauft er Zigaretten und Waffeln. "Die sind besonders lecker." Michael Witt aus Zwota stand in Graslitz/Kraslice an der Zapfsäule: "Schön, dass man wieder rüber fahren kann. Ich hatte eigentlich gedacht, dass schon mehr Andrang herrscht. Die letzten drei Monate habe ich persönlich ganz entspannt gesehen. Raucher bin ich seit Jahren nicht mehr und fahre nach Graslitz oder weiter deshalb nur zum Tanken, bisschen Einkaufen und Essen."

Nicht ganz so entspannt war Klingenthals OB Thomas Hennig (CDU): "Ich denke, die vergangenen Wochen haben deutlich gezeigt, wie wichtig inzwischen die offenen Grenzen im Zentrum Europas für unsere Grenzstadt sind - die Wirtschaft braucht die tschechischen Arbeitskräfte, und die Einkaufsmärkte die tschechischen Kunden." Auch CDU-Landtagsabgeordneter Sören Voigt sieht das so. Er hatte noch am Donnerstag eine parteienübergreifende Initiative unterschrieben, die die Wiederöffnung der Grenzen forderte. "Ich hatte nicht erwartet, dass es so schnell geht. Aber zu unserer neuen Normalität muss einfach die gemeinsame, grenzüberschreitende Normalität wieder dazugehören", sagt er. Überrascht wurde auch die Bundespolizei. "Wir hatten mit dem 15. Juni gerechnet. Dass es jetzt so schnell geht, hätten wir nicht gedacht", so Sprecher Eckhard Fiedler. Die Beamten erfuhren von der Blitz-Öffnung auch aus den Medien. "Aber für uns ist das Ganze völlig unproblematisch, wir haben an der Grenze keine eigenen Maßnahmen. Deshalb beobachten wir lediglich die Entwicklung." Personell ist die Bundespolizei gerüstet, alle Einsatzkräfte seien wieder im Dienst.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.