Wie gut war DDR-Wein?

Wie der Weinbau in der DDR funktionierte.

Wein wurde in der ehemaligen DDR nahezu ausschließlich in Sachsen und im Saale-Unstrut-Gebiet erzeugt. Der Weinbau wurde fast unkommerziell, aber mit großer Freude, enorm viel Patriotismus und ohne Hang zur Individualität gelebt.

Die Anfänge waren richtig schwierig. Nachdem die Reblaus weit vor dem Ersten Weltkrieg einen großen Teil der Rebfläche vernichtet hatte, unterstützte der Staat aus Angst vor weiteren Ausbreitungen die Rodungen der Rebflächen. Er zahlte für jeden herausgerissenen Rebstock 50 Pfennige, was damals richtig viel Geld war. Zudem gingen viele Winzer angesichts völlig veralteter Anbaumethoden und der ausgesprochen geringen Verdienstmöglichkeiten in die Industrie oder verkauften ihr Rebland.

Der stetige Rückgang bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass der Weinbau im Elbland faktisch nicht mehr existent war. Lediglich 60 Hektar Rebfläche waren in den frühen 50er-Jahren noch vorhanden - annähernd so viel wie Brandenburg heute bereits hat. Ein Trauerspiel für das einst so erfolgreiche, über 6000 Hektar umfassende Weinland Sachsen.

1955 begann man nahe Proschwitz, in der LPG Winkwitz, die 1959 den Namen "Rosa Luxemburg" erhielt, starke Hanglagen zu bearbeiten. In Sachsen gab es offiziell nur zwei weinproduzierende Betriebe: die Winzergenossenschaft in Meißen und das Volkseigene Gut Weinbau "Lößnitz", welches aus den Stadtweingütern Radebeul, Dresden und Meißen sowie enteigneten Betrieben von Privatwinzern erwuchs. Daneben existierte mit der bereits 1929 gegründeten "Vereinigung zur Förderung des Kleinweinbaus in Meißen und Umgebung" eine einzigartige Kultur von Feierabendwinzern. Diese Interessensgemeinschaft sorgte dafür, dass Sachsen noch heute über wunderschöne, teils spektakuläre und extreme Steillagen verfügt. In den folgenden vier Jahrzehnten waren es die Feierabendwinzer, die diese Steillagen mit ihrer außergewöhnlichen Boden- und Klimakultur wieder aufrebten.

Als Hobbywinzer befand man sich damals in einer durchaus attraktiven Situation. Zwar mussten - wie heute auch - die Trauben bei der hiesigen Winzergenossenschaft abgeliefert werden. Doch erhielt man ein Deputat von bis zu 350 Flaschen - das beste Zahlungs- oder besser Tauschmittel, das man sich zu dieser Zeit vorstellen konnte. Wahrscheinlich hätten unzählige Häuschen kein Dach gehabt, wenn der Bauherr nicht gerade ein paar Kisten Elbtalwein übrig gehabt hätte. Teuer war das für die Hobbywinzer nicht. Ein Quadratmeter Weinland kostete um die drei bis maximal zehn Pfennige pro Jahr. Der Kelterpreis für die Winzergenossenschaft lag bei 50 Pfennig pro Flasche. Das Schwierigste war wahrscheinlich der Umstand, dass man zur Füllung seines Weines die gleiche Anzahl an Flaschen wieder abliefern musste.

Wie überall in der DDR musste man aufgrund der Mangelwirtschaft erfinderisch sein - auch in den staatlichen Betrieben. So wurde Anfang der 60er-Jahre im Volksweingut in Radebeul die alte umständliche Korbpresse gegen eine neue eingetauscht - hilfsweise gegen eine für die Obstsaftgewinnung entwickelte Maschine aus Bulgarien. Auch die Holzfässer waren in die Jahre gekommen. Edelstahltanks waren ein Traum, doch nicht zu beschaffen. Deshalb griff man zu Emailletanks mit einem Fassungsvermögen von 15.000 Litern, die für das Bierbrauen gedacht waren. Da es kaum Korkeichen gab, wurde Mitte der 70er-Jahre ein Großteil der Weinflaschen mit Kronkorken verschlossen.

Dennoch ging es bergauf mit dem sächsischen Weinbau. Bereits 1965 hatte sich die Fläche verfünffacht, und 1989 blickte man in Sachsen auf 350 Hektar Rebfläche. Gut ein Drittel davon wurde von den Feierabendwinzern bestellt. Für nicht wenige war der freizeitliche Knochenjob in den Weinbergslagen der weitaus härtere Teil ihres Arbeitslebens. Maschinen gab es kaum. Mittels Seilwinden und daran befestigten Gerätschaften wurde der Boden bearbeitet. Reben zu bekommen, war ein Graus. Ein Teil der Rebstöcke wurde in einer Rebschule in der Pfalz bestellt. Später wurden sie in eigenen kleinen Produktionen in den LPGs in Winkwitz und Okrilla erzeugt. Doch sie reichten zumeist nur für den Bedarf der staatlichen Betriebe.

So ließen sich nicht wenige Feierabendwinzer von befreundeten Rentnern keine Pornoheftchen oder Duschgel, sondern Rebstöcke aus dem Westen mitbringen. Pflanzen durfte man, was man wollte. Es bedurfte keiner staatlichen Anmeldung wie heute. Das erklärt, warum wir in Sachsen eine so vielfältige Rebkultur haben.

Es war ein wunderbares Miteinander. Selbst während der Lese wurden Nachbarn und Freunde aktiviert. Nicht jeder hatte ein Auto oder gar einen Anhänger, um das Traubengut nach Meißen zu fahren. Doch mit der Aussicht auf ein paar Flaschen Meißner Wein und ein unvergessliches Erntedankfest fand sich schnell ein transportbereiter Untersatz.

Man genoss den hiesigen Wein am liebsten selber. Entgegen der Vermutung, die gesamte Produktion würde im "kapitalistischen Ausland" verschwinden, wurden 95 Prozent der Flaschen hierzulande geöffnet. Doch die jährlich 10 bis 15 Millionen Flaschen, die zur Hälfte im Elbtal und zur anderen Hälfte an Saale und Unstrut erzeugt wurden, machten nur vier Prozent der in der DDR konsumierten Weine aus. Der Rest wurde von befreundeten sozialistischen Staaten wie Bulgarien, Rumänien und Ungarn bezogen. Das waren zumeist Weine von allereinfachster Qualität, die nachträglich mit Rübenzucker angereichert wurden und den Folgetag zum Greuel werden ließen.

Diejenigen, die vor der Wendezeit noch keinen Wein trinken durften, fragen sich oft, wie denn dertypische viel gelobte Elbtalwein geschmeckt hat. Er war konsequent trocken und kernig. Es fehlte der nachträglich hinzugefügte Zucker, sodass er durchaus bekömmlich war. Und er war einfach zu verstehen, denn es gab nicht so ein kompliziertes Begriffsmeer wie heute. Ab den 70ern wurden alle sächsischen Weine als Elbtalwein deklariert. Hauptsächlich gab es auch damals die noch heute gängigen Rebsorten wie Müller-Thurgau, Riesling, Weiß- und Grauburgunder und Traminer bei den Weißen und Portugieser bei den Rotweinsorten. Die Rebsorte durfte benannt werden, aber es gab keine Qualitätsstufen, keine Lagebezeichnung und keine Geschmacksangaben auf dem Etikett.

Den vorläufigen Höhepunkt erlebte die Hobbywinzerei in den 80er-Jahren, als man begann, sie staatlich zu fördern und aktiv zu unterstützen. Die Staatsmacht wähnte die Hobbywinzer lieber in ihren Weingärten als auf der Straße. Die "Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe" - kurz VdgB - rief Prämien für besonders gepflegte Weinberge aus, veranstaltete Lehrgänge und kürte 1988 mit Irene Weißflog die erste "Sächsische Weinkönigin", die von den alten Hobbywinzern noch heute liebevoll als "Königin Mutter" bezeichnet wird.

Der Autor Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    1
    Deluxe
    30.05.2019

    Danke für diesen sachlichen, ideologiefreien Beitrag. Von der Sorte braucht es mehr, um die DDR-Geschichte frei von politischen Vorgaben zu erzählen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...