"Haltbarkeit spielt keine Rolle mehr"

Verbraucherschützer Stefan Schridde behauptet: Viele Geräte gehen unnötig schnell kaputt - Sein neues Buch enthält deshalb eine Murks-Lupe

Es ist, als hätte eine unsichtbare Hand einen Schalter umgelegt. Das Gerät, das eben noch seinen Dienst tat, rührt sich nicht mehr. Garantie? Gerade abgelaufen. Reparieren? Lohnt sich nicht, sagt der Händler. Solche Szenarien kennt Stefan Schridde. Der Berliner Betriebswirt sammelt Belege für die These, dass Hersteller gezielt Schwachstellen in ihre Produkte einbauen. Fachleute streiten, ob es eine solche "geplante Obsoleszenz" tatsächlich gibt. Vor der Premiere seines neuen Buchs "Murks? Nein danke" sprach Redakteur Andreas Rentsch mit dem Verbraucherschützer.

Freie Presse: Herr Schridde, ärgern Sie sich eigentlich noch oder freuen Sie sich, wenn Ihnen ein Elektrogerät kaputt geht?

Stefan Schridde: Ich ärgere mich nach wie vor. Gerade, wenn es so passiert, wie bei meinem Fernseher. Den habe ich vor zwei Jahren gekauft, kürzlich gab's nur noch Flackerbilder. Solche Probleme ließen sich vermeiden, wenn man nur ein bisschen mehr in einzelne Komponenten investieren würde.

Müssten Sie sich nicht eigentlich freuen? Schließlich scheint der kaputte Fernseher Ihre These von der geplanten Obsoleszenz zu bestätigen.

Diese Bestätigung brauche ich nicht mehr.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden? Haben Sie nach einem Defekt nachzuforschen begonnen?

Ich habe so etwas nicht nur bei Elektrogeräten erlebt, sondern auch bei Schuhsohlen, die früh durchbrachen oder Hemdsärmeln, die sich schnell durchscheuerten. Der Film "Kaufen für die Müllhalde" hat mich auf den Schaden fokussiert, der damit angerichtet wird. Das war auch ein väterlicher Impuls: Ich will ja einmal meinen Enkeln erzählen können, was ich gegen Ressourcenverschwendung getan habe.

Fast jedem ist schon mal ein Gerät unerwartet früh kaputt gegangen. Doch die Stiftung Warentest sagt, es gebe keine Beweise für geplanten Verschleiß. Alles halb so schlimm?

Gerade Stiftung Warentest hat einige Beispiele für gezielten Verschleiß geliefert. Wenn deren Experten herausfinden, dass vier von fünf Staubsaugern kaputt gehen, weil deren Kohlebürsten minderwertig waren, sie darin aber keinen Beleg für geplante Obsoleszenz sehen, dann arbeitet man dort wohl mit verschleiertem Blick. Geplante Obsoleszenz ist nicht automatisch böswillige Arglist: Oft ist es gewollte Unterlassung. Für Produktentwickler ist Haltbarkeit kein Kriterium mehr. Stattdessen wird der letzte Cent rausgequetscht.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Da gibt es billige Kondensatoren in Fernsehern, Mixer, die nach paar Minuten Dauerbetrieb eine Pause brauchen oder Zählwerke in Druckerkartuschen, die das Gerät nach einer bestimmten Zahl gedruckter Seiten lahmlegen. Ich will zeigen, dass Hersteller und Handel versuchen, durch immer kürzere Erstnutzungszyklen ihre Umsätze zu erhöhen.

Das schadet doch aber den Firmen selbst. Man kauft doch vom Murks-Hersteller nicht ein zweites Mal.

Wir sind ja nicht die, die beim Hersteller einkaufen. Das macht der Handel. Ist also der eine verärgert über Firma A und der andere über Firma B, kauft Kunde A künftig bei Firma B und Kunde B wechselt zu Firma A. Für den Handel bringt das keine neue Erkenntnis, denn der Umsatz bleibt gleich.

Was raten Sie Kunden, die Geräte nachhaltiger kaufen wollen?

Wir müssen uns als kaufende Gesellschaft mehr in Körperschaften, also Vereinen und Initiativen, organisieren. Es geht nicht nur um den einzelnen mündigen Verbraucher, der am Regal eine Entscheidung trifft. Nachhaltiger Konsum heißt auch, hinters Regal zu greifen. Da geht es um Produktverantwortung, aber auch um klare Vorgaben an die Industrie. Dort sind Regularien gegenüber Zulieferern ebenso üblich.

Welche sollen das sein?

Warum gibt es kein Gesetz, das verbietet, Gehäuse von Geräten zu verkleben? Ebenso sollten bessere Reparaturfreundlichkeit und die freie Verfügbarkeit von Ersatzteilen geregelt werden. Wer heute einkauft, wird feststellen, dass Kennzeichnungen fehlen. Wir brauchen ein Label mit Hinweisen wie "Achtung, Gehäuse geklebt" oder "Ersatzteile nur zwei Jahre verfügbar".

Gibt es nicht schon Initiativen, Geräte ressourcenschonender herzustellen?

Ja, das Fairphone beispielsweise. Für dieses Smartphone können sich Nutzer schon heute jedes Einzelteil frei kaufen. Sie können es komplett zerlegen und zu geringsten Kosten Teile austauschen.

Auf der Webseite Ihrer Initiative "Murks? Nein danke" sammeln Sie Beispiele für geplanten Verschleiß. Welche Gerätesparten fallen negativ auf?

Vor allem Haushaltskleingeräte, etwa Kaffeemaschinen. Dort gibt es den Trend, dass Gebrauchs- zu Verbrauchsprodukten werden. Sie kaufen eine Einstiegsmaschine, doch mit den Nachkäufen wird das Geld verdient - also den Kapseln oder Pads.

Ihr Buch enthält eine "Murks-Lupe". Wie funktioniert die denn?

Das ist eine Merkhilfe mit über 20 Tipps zum Einkauf. Zuerst muss man sich fragen, ob man das Gerät wirklich braucht oder gerade im Begriff ist, aus einem Impuls heraus zu kaufen. Vielleicht tut es ja auch ein Gebrauchtgerät?

Und wenn doch ein Neukauf ansteht?

Dann sollten Sie sich das Wunschgerät näher ansehen: Ist das Gehäuse verklebt? Sehe ich Spezialschrauben? Fragen Sie, wie lange Ersatzteile erhältlich sein werden. Erkundigen Sie sich nach drei typischen Schäden und deren Reparaturkosten.

Macht es nicht trotzdem auch Sinn, ein veraltetes Gerät irgendwann durch ein energieeffizienteres zu ersetzen?

Es gibt eine Beispielrechnung des Umweltbundesamtes. Angenommen, Sie ersetzen Ihr altes Notebook durch ein neues mit zehn Prozent weniger Energieverbrauch. Wissen Sie, wie lange man das neue Notebook verwenden müsste, damit dessen Energieeffizienz auch den Strom mit reinverdient, der bei der Herstellung des Rechners verbraucht wurde?

Ziemlich lange vermutlich.

90 Jahre. Tatsächlich ist es doch so, dass wir uns ein neues Gerät kaufen, das zwar Energie spart, aber wieder nur vier Jahre hält.

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
3Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    0
    gelöschter Nutzer
    17.10.2014

    Eine Wahrheit ist, dass nicht wenige Markenhersteller meist auch eine Billigmarke anbieten. Hier werden für mein dafürhalten extra Sollbruchstellen eingebaut, um den höheren Preis der Markenprodukte mit der Langlebigkeit dieser zu bewerben. Es ist ein Marketingspiel bei dem es immer die gleichen Gewinner gibt und das sind nicht die Kunden. Eine einfache Kaffeemaschine aus DDR Zeiten brüht den Kaffee noch genau so gut wie eine aus dem Jahr 2014. Die aus diesen Jahr können sie aber getrost nach spätestens 5 Jahren abschreiben. Warum nur?

  • 0
    0
    kartracer
    16.10.2014

    Und was nutzt uns diese Weisheit? NICHTS!

  • 1
    0
    Deluxe
    16.10.2014

    Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt: Neukauf mit der Begründung des Energiesparens ist in vielen Fällen reine Schönfärberei. Bei Kleingeräten allemal.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...