Agentur rechnet mit noch mehr Arbeitslosen

Die Coronakrise hinterlässt auf dem Chemnitzer Arbeitsmarkt deutliche Spuren. Doch es gibt auch Zahlen, die überraschen.

Arbeitslosigkeit: Über Jahre hinweg kannte die Kurve der Arbeitslosenstatistik auch in Chemnitz im Grunde nur eine Richtung - nach unten. Im ersten Monat nach den tiefgreifenden Einschnitten ins öffentliche Leben infolge der Coronapandemie hat sich das Bild nun deutlich geändert. Innerhalb weniger Wochen ist die Anzahl der offiziell registrierten Arbeitslosen um mehr als 1100 Betroffene nach oben geschnellt. Das entspricht einem Zuwachs von fast 14 Prozent innerhalb eines einzigen Monats. Mit knapp 9400 Menschen waren im April so viele Chemnitzer arbeitslos wie zuletzt vor zwei Jahren. Die Quote liegt bei 7,5 Prozent - so hoch wie zuletzt im März 2018.

Kurzarbeit: Lange Zeit ein Nischenphänomen auf dem Arbeitsmarkt, bilden Kurzarbeiter plötzlich den mit Abstand größten Teil der Kundschaft der Arbeitsagentur. Nachdem im März bereits für mehr als 19.500 Chemnitzer Arbeitnehmer Anzeigen eingegangen waren, kletterte die Anzahl im April auf über 20.100. Die Arbeitsagentur geht davon aus, dass diese Werte eher eine Art Obergrenze darstellen. "Der tatsächliche Umfang der Kurzarbeit wird geringer ausfallen", heißt es. Hintergrund: Wie hoch der Arbeitsausfall tatsächlich ist und wie viele Beschäftigte unterm Strich betroffen sind, ist erst aus den Anträgen auf Kurzarbeitergeld ersichtlich, die nachträglich im Folgemonat gestellt werden.

Betroffene Branchen: Mit fast 140 Entlassungen stellen Zeit- und Leiharbeitsfirmen die größte Gruppe der gut 1000 Neuzugänge an Arbeitslosen im Monat April. Danach folgen Beschäftigte des verarbeitenden Gewerbes (vor allem aus der Metall- und Elektroindustrie), sogenannter wirtschaftsnaher Dienstleistungen (vom Verleihservice über Sicherheitsfirmen bis zum Call-Center) sowie Autohäuser bzw. -werkstätten mit jeweils um die 100 Arbeitslosmeldungen. Aus dem Gastgewerbe meldeten sich 75 Beschäftigte arbeitslos. Kurzarbeit ist laut Arbeitsagentur vor allem ein Thema im verarbeitenden Gewerbe und im Handel, in Kfz-Betrieben, bei Dienstleistern und Zeitarbeitsfirmen sowie im Gastgewerbe und auf dem Bau.

Hartz IV: Etwa sieben von zehn Arbeitslosen in Chemnitz werden nicht von der Agentur für Arbeit betreut, sondern vom Jobcenter. Ihre Anzahl ist nun noch einmal um gut elf Prozent gestiegen. Ein Grund: Wegen der Kontaktbeschränkungen fallen viele Schulungsmaßnahmen des Jobcenters aus, die Betroffenen tauchen in der Statistik plötzlich wieder auf. Neu hinzu kommen Arbeitslose, die vor der Coronakrise nicht lange genug durchgängig beschäftigt waren, um Anspruch auf das deutlich höhere Arbeitslosengeld 1 zu haben.

Agentur und Jobcenter: Durch kurzfristige interne Umstrukturierungen wird versucht, dem derzeit außergewöhnlichen Arbeitsaufkommen gerecht zu werden. "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit Hochdruck daran, die Auswirkungen der Krise zu stemmen", versichert eine Sprecherin. Oberste Priorität habe dabei die Berechnung und Auszahlung von Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld.

Chancen auf neue Jobs: Gemessen an den der Arbeitsagentur bekannten Jobangeboten hat die Nachfrage nach Arbeitskräften durch die Coronakrise deutlich nachgelassen. Der Gesamtbestand an zu besetzenden Stellen sank laut Agentur binnen Monatsfrist um 11,6 Prozent auf knapp 2200. Das allerdings sind immer noch mehr offene Arbeitsplätze als es zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres gab. Auffällig ist der Einbruch bei den neu eingegangenen Jobangeboten. Waren es im April 2019 noch gut 600 gewesen, so stehen für den vergangenen Monat nicht einmal mehr 300 neu gemeldete offene Stelle zu Buche. Allerdings wird erfahrungsgemäß nicht jeder zu besetzende Arbeitsplatz der Arbeitsagentur gemeldet. Zeitarbeitsfirmen stellen mit 20 Prozent der angebotenen Jobs noch immer den größten Anteil, danach folgen freie Stellen in Laboren, Architektur- und Ingenieurbüros, in der Verwaltung sowie den Führungsetagen von Unternehmen (fast 350 Stellen). Auch im Gesundheits- und Sozialwesen sind laut Arbeitsagentur aktuell mehr als 300 Jobs zu besetzen.

Wie geht es weiter? Den bundesweiten Prognosen der Arbeitsmarktforscher folgend, rechnet die Arbeitsagentur auch für Chemnitz mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Ausmaß und Verlauf seien davon abhängig, wie die Krise sich weiterentwickelt. Optimistische Annahmen gehen davon aus, dass bis Jahresende ein Teil der Betroffenen bereits wieder Arbeit gefunden haben wird. Insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Erziehung werde der Bedarf wahrscheinlich weiter steigen, sagte eine Sprecherin. "Dort gab es ja auch vor der Krise schon Engpässe."


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2Kommentare
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  • 17
    10
    Gegs
    10.05.2020

    Es gibt die allgemeine Lüge, die Notlüge und die Statistik.

  • 23
    8
    sachsenjunge
    10.05.2020

    "Wegen der Kontaktbeschränkungen fallen viele Schulungsmaßnahmen des Jobcenters aus, die Betroffenen tauchen in der Statistik plötzlich wieder auf." - Glaube also immer nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast. ;-)