Alles begann mit dem Üben des Reitens

Auf drei Rädern durch die Gegend zu jagen, war für Kinder schon immer faszinierend. Im Gelenauer Depot Pohl-Ströher wird nun gezeigt, wie sich die kleinen Gefährte im Laufe der Zeit verändert haben.

Gelenau.

Vor 660 historischen Kinderfahrzeugen zu stehen, hat es in sich. "Da erschlägt es einen fast, man hält den Atem an", sagt Eckart Holler. Aber nicht, weil er Angst hat, von einem der kleinen Gefährte getroffen zu werden, das plötzlich losfährt oder umkippt. Vielmehr stand der 74-jährige Sammler aus Chemnitz kürzlich vor der Herausforderung, aus diesem riesigen Sortiment einige Exemplare auszuwählen. Um der Sommerschau im Gelenauer Depot Pohl-Ströher einen gewissen Esprit zu verleihen, sollte eine besondere Präsentation her. Und nun dürfen sich die Besucher auf interessante Dreiräder freuen.

Insgesamt sind in der Ausstellung knapp 140 Fahrzeuge zu sehen, die aus Deutschlands größter Sammlung historischer Kinderfahrzeuge stammen. Dabei die Auswahl der Dreiräder zu treffen, war letztlich doch nicht ganz so schwierig. Schließlich waren neben vielen Tret- und Elektroautos nur 30 davon vorhanden. 15 davon hat Eckart Holler auserkoren. Klingt wenig, deckt aber eine enorme Spannbreite ab. Denn die ältesten Exemplare stammen aus der Zeit um 1860. Fast schon noch modern wirkt dagegen der "Liliput", der in der DDR Kultstatus erlangte.


"Die ersten Dreiräder wurden aus Stahl geschmiedet", erzählt Holler. Obwohl bequemes Sitzen darauf schwer vorstellbar ist, waren die damaligen Produkte ausschließlich für die Vertreter der gehobenen Gesellschaft bestimmt. "Die Kinder adliger Familien haben damit in den Schlossgängen das Herrenreiten geübt", blickt der 74-Jährige zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Tatsache erklärt auch, warum diese Exemplare noch mit dem Körper eines Pferdes aus Holz versehen sind. Ein Handantrieb, befestigt am Kopf, war dabei nicht selten.

Doch die meisten Ausstellungsstücke in Gelenau sind eher simpel gehalten. Drei Räder, Lenker, Sitz und die Pedale am Vorderrad - so wie bei "Bubi", dem laut Holler meistverkauften Dreirad in den späten 1920er-Jahre und frühen 1930er-Jahre. Die Firma Naether aus Zeitz habe es mit solchen Produkten sowie vor allem mit Kinderwagen damals zu Weltruhm gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen jedoch verstaatlicht, und die Produktionsstätten gingen an den VEB Zekiwa über. Was nicht heißt, dass es keine beliebten Dreiräder mehr gab. Auch zu DDR-Zeiten durften die Kinder auf "heißen Kisten" durch die Gegend jagen. Zum Kult wurde dabei der "Liliput" auch deshalb, weil er etwas anders daherkommt: zwei Räder vorn, nur eins hinten. "Das ist kippstabil. Beliebt waren auch die luftbereiften Räder und das große Lenkrad", erklärt Eckart Holler. "Das vermittelte den Kindern den Eindruck, ein echtes Auto zu fahren." Bis heute werde dieses Modell in China nachgebaut - allerdings mit billigem Material. Im Gelenauer Depot steht dagegen eines der Originale, das den Betrachter wie alle anderen Exemplare zurück in längst vergangene Epochen entführt. Es ist also quasi eine Zeitreise auf drei Rädern.

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