70 Jahre Grundgesetz: Auferstanden aus Ruinen

Heute hat Deutschland Grund zu feiern: Vor 70 Jahren wurde in Bonn das Grundgesetz unterzeichnet. Es gilt mit Veränderungen und Zusätzen bis heute. Das Jahr 1949, es war für die Deutschen in Ost und West ein ganz besonderes. Das hatte auch mit Goethe zu tun.

Chemnitz/Berlin.

1949 war das "lange deutsche" Jahr, wie der Berliner Autor und Journalist Christian Bommarius in seinem aktuellen Buch "1949" schreibt. Die beiden deutschen Staaten wurden gegründet, die Berlin-Blockade und Luftbrücke gingen zu Ende. In Köln wurde erstmals nach dem Krieg wieder Karneval gefeiert, Rudi Schuricke landete mit "Capri-Fischer" den Sommerhit des Jahres. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) träumten viele von der neuen Gesellschaft, einem besseren Deutschland. Und es war das Geburtsjahr des Grundgesetzes, das heute vor 70 Jahren unterzeichnet wurde.

Bommarius: "Ausgerechnet auf den Ruinen des politisch, wirtschaftlich und vor allem moralisch bankrotten Deutschlands sollte eine Demokratie nach westlichem Vorbild entstehen." Das galt zumindest für die drei westlichen Besatzungszonen. Aber noch vier Jahre nach Kriegsende stellten amerikanische Beobachter besorgt fest, dass "die Deutschen aller Altersstufen nur geringe Fortschritte in Richtung auf ein demokratisches Denken gemacht" hätten.

Die Umbrüche von 1949 im Westen hatten bereits 1948 eingesetzt, als mit Währungsreform und Auftrag zur Verfassungsbildung die Weichen in Richtung Bundesrepublik gestellt wurden. 65 ergraute Gestalten, Durchschnittsalter Mitte 50, kamen in Bonn im Parlamentarischen Rat zusammen, um eine Verfassung auszuarbeiten - und damit über die Zukunft Westdeutschlands zu entscheiden. Bommarius schildert den Zeitgeist von damals so: "Das stimmte zunächst nicht sonderlich hoffnungsvoll und fand auch wenig öffentliche Beachtung."

Doch die "ergrauten Gestalten" leisteten unter der Kontrolle der drei westlichen Besatzungsmächte gute Arbeit: Das heute vor 70 Jahren unterzeichnete Grundgesetz ist bis in die Gegenwart Grundpfeiler der deutschen Demokratie. Es beginnt in Artikel 1 mit dem vielzitierten Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Kein Wort zu Beginn von Amtszeiten, Wahlgängen, Hymnen. Das erste Hauptwort lautet "Würde", das zweite "Mensch".

Verfassungen sind auch Kinder ihrer Zeit, und wenn etwas fehlte im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre, dann war es die Idee, dass jedem Menschen Würde zukommt - unabhängig von seiner Herkunft und seiner Religion, seinen politischen Ansichten, seinem Gesundheitszustand. Der erste Satz war Feststellung und Mahnung zugleich, ein spätes "Nein!" gegenüber dem nationalsozialistischen Vernichtungsfuror. Auch die meisten der folgenden 18 Artikel enthalten Grundrechte, mit denen Bürger sich gegen staatliche Eingriffe in ihr Leben wehren können.

1949 war die deutsche Teilung bereits Realität geworden, der Kalte Krieg hatte seine Schatten über Europa geworfen. Die erste Bundestagswahl brachte Konrad Adenauer, den "Alten", ins Kanzleramt. Theodor Heuss wurde Bundespräsident und Bonn Hauptstadt der Bundesrepublik. Die Staatsgründung der DDR folgte am 7. Oktober: Wilhelm Pieck wurde Präsident, Otto Grotewohl Ministerpräsident. Ebenfalls am 7. Oktober trat die DDR-Verfassung in Kraft. Der Name "Deutsche Demokratische Republik" sowie die erste Verfassung der DDR gingen auf einen Entwurf der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vom November 1946 zurück, der 1948/49 den Verfassungsberatungen im Rahmen der Volkskongressbewegung zugrunde lag. In der SBZ war im Juni 1947 mit der Deutschen Wirtschaftskommission ein zentraler Verwaltungsapparat geschaffen worden. Im Juni 1948, nach dem Vorangehen der Westzonen, gab es eine Wirtschaftsreform und im Monat darauf den ersten Zweijahresplan. Die SED war auf dem Weg zu einer marxistisch-leninistischen Kaderpartei "neuen Typus". So wurde am 7. Oktober 1949 dem Anspruch nach zwar die Verfassung eines gesamtdeutschen Staates in Kraft gesetzt, faktisch aber waren die Weichen für die Errichtung einer separaten politischen und wirtschaftlichen Ordnung nach sowjetischem Vorbild in Ostdeutschland - wie entsprechend in Westdeutschland nach dem Vorbild der Westalliierten - längst gestellt.

Die erste DDR-Verfassung wurde maßgeblich von Karl Polak bestimmt, der 1949 an der Universität Leipzig Professor für Staatslehre, Staats- und Völkerrecht wurde. Der gebürtige Niedersachse war 1933 in die Sowjetunion emigriert und nach dem Krieg zurückgekehrt. Die frühe DDR-Verfassung war eher konventionell gehalten. "Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik", hieß es im ersten Artikel, und jeder Satz war eine Kampfansage. Die Republik entscheide für "das deutsche Volk", hieß es, und es gebe "nur eine deutsche Staatsangehörigkeit". Die Wörter "kommunistisch" oder "sozialistisch" sucht man vergebens.

Doch Verbindlichkeit erlangte sie nicht. Entscheidend allein war schon damals das Parteiprogramm der SED. Die Staatspartei ignorierte verbriefte Grundrechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Streikrecht und geheime Wahlen. Und sie gab den Bürgern der DDR nicht einmal formal die Möglichkeit, gegen den Verfassungsbruch anzukämpfen: Verfassungs- oder Verwaltungsgerichte gab es nicht.

Die 1949er-Verfassung hielt nicht lange: 1968 wurde sie erneuert. In der neuen Version war die DDR nun ein "sozialistischer Staat deutscher Nation", und damit das auch jeder verstand, kam das Wort "sozialistisch" mehr als 90-mal im Text vor. Damit waren die Fronten auch verfassungsmäßig geklärt.

Was aber gehört für 1949 in ein Fotoalbum der deutschen Geschichte? Der VW-Käfer als Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders ebenso wie die D-Mark, Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der die Westbindung vorantrieb, oder Walter Ulbricht, der eigentliche starke Mann der DDR?

Was Ost und West im Rückblick verband, war aber zum Beispiel die zupackende Trümmerfrau mit Kopftuch. Sie war auch 1949 noch präsent in den Bildern von zerstörten Städten. Man hat ihr in beiden Teilen Deutschlands Denkmäler gesetzt. Viele können nicht mehr davon erzählen, wie es damals war, als Deutschland in Trümmern lag. Die Zeitzeuginnen, die sich an die Zeit vor mehr als 70 Jahren erinnern können, sind hochbetagt. So wie Edith Ringeler. Sie ist 102 Jahre alt und erst vor einem Jahr ins Heim gezogen, nach Lichterfelde im Südwesten von Berlin. Ganz in der Nähe, am S-Bahnhof, hat sie damals Steine geklopft. Ob sie von der Zeit nach dem Krieg träumt? "Und wie!" Das Schlimmste sei der Hunger gewesen. Der Mann war im Krieg vermisst. Edith Ringeler musste "hamstern", also Essen beschaffen. "Ich habe die Hölle durchgemacht, und niemand hat uns geholfen."

Edith Ringeler war eine echte Trümmerfrau. So viele, wie man meinen möchte, gab es aber gar nicht. Der Begriff steht für einen Mythos. Das liegt vor allem an den Bildern: "Waren die Ruinen schon fotogen, so waren es die Trümmerfrauen erst recht", schreibt Harald Jähner im Buch "Wolfszeit" über Deutschland zwischen 1945 und 1955. Er sieht in ihnen "eine Art Nachkriegsfee". Aber wie groß war die Rolle der "Nachkriegsfeen" wirklich? Die jüngere Forschung sagt: relativ klein, die Bilder täuschen. "Das gängigste Klischee ist, dass Deutschland von den Frauen aufgeräumt wurde, als die Männer noch im Krieg oder gefallen waren", sagt die Historikerin Leonie Treber, die den "Mythos Trümmerfrau" hinterfragte.

Über elf deutsche Städte hat sie geforscht. Eine Erkenntnis: Trümmerfrauen sind ein Berliner und ein ostdeutsches Phänomen. Treber sagt: "Man vergisst einfach, dass die Aufnahmen, die wir heute kennen, fast alle aus Berlin oder der SBZ stammen und dass Frauen das mitnichten freiwillig gemacht haben."

Schon das Ausmaß der Schäden - es sollen um die 400 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt gewesen sein - spricht für Treber dagegen, dass es vor allem die Frauen mit Eimerketten waren, die Deutschland aufbauten. Das waren dann doch eher die Baufirmen und die Männer. In der DDR war die Trümmerfrau verbreiteter als im Westen. "Sie wurde mit der Staatsgründung zur Gedenk-Ikone ausgebaut und auch wirklich bis zur Wende als solche genutzt", so Treber. Die Trümmerfrau passte gut zum Sozialismus und zum Wunsch, Frauen in Männerberufe zu bringen.

Im Westen wurde die Trümmerfrau erst spät zum Mythos, in den 1980er-Jahren. Die Frauenbewegung entdeckte sie als Vorbild. Auch die Politik unter Helmut Kohl spielte eine Rolle. Im Zuge der Rentendebatte und das sogenannte Babyjahr wurden Frauen, die vor 1921 geboren waren, benachteiligt. Das führte zu Protesten, die auf die Lebensleistung der Rentnerinnen verwiesen.

Was hatten Deutsche in Ost und West im Jahr 1949 noch gemeinsam - außer den Trümmerfrauen und neuen Verfassungen? Ganz sicher den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe. Dessen 200. Geburtstag fiel ebenso ins Jahr 1949 wie der angeblich 70. von Josef Stalin. In der DDR rollte eine historisierende Großinszenierung nach der anderen über das Land: Goethe, Staatsgründung und eben Stalin. Der demokratische Neubeginn sollte in die humanistische Tradition der deutschen Klassik gestellt werden. Diese seltsame Kombination aus Humanismus und Terror wurde damals von den Parteioberen in Berlin-Ost nicht als Gegensatz gesehen. Staatsdichter Johannes R. Becher pries das Ganze als "Versöhnung von Macht und Geist". In der DDR blieb der Goethe-Kult bis zum Ende der sechziger Jahre ein Zentrum humanistischer Erbepflege, die der Lenkung durch die SED unterstand.

1949 war das Jahr einer beispiellosen Goethe-Renaissance. Sie diente beiden neuen Staaten zur kulturpolitischen Legitimation ihrer Gesellschaftsordnungen. In Goethes Vaterstadt Frankfurt am Main wurde 1949 in den Medien die umstrittene Vergabe des Goethepreises an den Schriftsteller Thomas Mann gerechtfertigt. Der Literaturnobelpreisträger hatte es gewagt, im Zentrum einer kontrovers geführten Debatte um die Haltung deutscher Literaten gegenüber dem NS-Regime und um den moralischen Wert der "äußeren" Emigration (Flucht ins Ausland) gegenüber der "inneren" Emigration klar Position zu beziehen. Seine Weigerung, nach Kriegsende wieder dauerhaft in seine alte Heimat Deutschland zurückzukehren, wurde ihm verübelt. Zur Zielscheibe der Kritik wurde Thomas Mann 1949, als im Westen bekannt wurde, dass er auch in den Osten Deutschlands fahren wollte, um dort den in Konkurrenz zu Frankfurt gestifteten "Goethe-Nationalpreis" in Weimar entgegenzunehmen. Deutsch-deutsche Scharmützel im Jahr 1949.

In seiner legendären Preisverleihungsrede in der Frankfurter Paulskirche traf Adolf Grimme, damals Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, den Kern aller fruchtbaren Goethe-Verehrung mit den Worten: "Wir sehen an Goethe die Möglichkeit des Menschen."

Nicht nur an Goethe und anderen Klassikern, auch an dem kleinen Büchlein von 1949, Grundgesetz genannt, kann man heute sehen, was Menschen zustande bringen können. Thomas Mann hatte damals während seiner Deutschlandreise noch wenig Gutes zu berichten: Nicht die Einsicht in das Unrecht beförderte die Rückkehr der Westdeutschen in die zivilisierte Welt, sondern der Kalte Krieg, so sein Befund in seinen Tagebüchern. Das Grundgesetz ist der Beweis dafür, dass Thomas Mann zu pessimistisch auf die Deutschen geblickt hat.

Christian Bommarius' Buch birgt auch noch eine höchst aktuelle Botschaft: Demokratisches Denken und Handeln muss immer wieder gegen Widerstände gelebt werden, damals wie heute. Das Grundgesetz bietet für diesen Kampf die besten Argumente. (mit dpa)

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