Beutel-Revolution im Tiefkühlregal

Frosta stellt von Plastik auf eine patentierte Papierverpackung um. Doch Umweltexperten sind skeptisch.

Plastik schlecht - Papier gut: So denken viele umweltbewusste Verbraucher. Ganz so einfach ist es aber nicht. Das zeigt sich gerade beim Tiefkühlkost-Hersteller Frosta, der auch im sächsischen Lommatzsch produziert. Zwischen Februar und Herbst will er nach und nach sämtliche Gemüsemischungen und Fertiggerichte, die bisher in Plastikbeuteln verpackt werden, auf neuartige Papierbeutel umstellen. Dadurch würden rund 40 Millionen Plastikverpackungen pro Jahr eingespart, so Sprecherin Friederike Ahlers.

Gerhard Kotschik, Verpackungsexperte beim Umweltbundesamt, kennt die zum Patent angemeldeten Papierbeutel noch nicht im Detail und kann daher nur eine allgemeine Einschätzung abgeben: Kunststoff stamme aus fossilen Rohstoffen, und deren Nutzung führe zu schädlichen Emissionen. Aber auch Papier sei nicht unproblematisch, denn für die Herstellung seien viel Wasser und viel Energie nötig. Immerhin sei die neuartige Verpackung FSC-zertifiziert, also mit einem Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft versehen; dessen Aussagekraft sei allerdings umstritten.

Laut Frosta können die Beutel, die nur sparsam mit wasserbasierten Farben bedruckt seien, im Altpapier entsorgt und problemlos recycelt werden. Allerdings, so Kotschik, habe sich auch die bisherige Plastikverpackung gut wiederaufarbeiten lassen. Denn Frosta verwende seit Jahren nur noch ein einziges, "sortenreines" Material, das sich problemlos aus den Gelben Säcken aussortieren lasse und dann zu Kunststoffgranulat weiterverarbeitet werde. Kotschik: "Die Gefahr, dass dieser werthaltige Plastikabfall einfach nur deponiert oder verbrannt wird, ist sehr gering."

Viel wichtiger als ein Austausch des Tütenmaterials wäre es aus Sicht des Umweltbundesamt-Fachmanns, Verpackungen zu vermindern oder zu vermeiden. Bei Tiefkühlware gebe es bisher noch kein Mehrwegsystem, aber man sollte solche Verfahren erproben.

Mit dieser Anregung liegt die Behörde auf einer Linie mit dem Umweltschutzverband BUND. Dessen Abfallexperte Rolf Buschmann wünscht sich ein einheitliches Mehrweg-System aus Plastikboxen. Wie das im Einzelnen aussehen könnte? "Da müssen wir noch ein bisschen Gehirnschmalz reinstecken", sagt er.

Buschmann findet Initiativen wie die von Frosta zwar lobenswert, "aber den Gewinn für die Umwelt muss man erst noch ermitteln". Denn bei der Herstellung seien Plastikbeutel eindeutig umweltfreundlicher als Papiertüten - "von den reinen Energie- und Verbrauchsdaten her gesehen", also ohne Berücksichtigung der Frage, wie nachhaltig die Rohstoffe gewonnen wurden. Bei der Entsorgung hingegen sei Papier im Vorteil. Denn bei Plastik sei die Gefahr größer, dass es nicht wiederaufbereitet werde und womöglich sogar in der Natur lande. Falls auch Papier mal in die Natur gelange, zersetze es sich viel besser. Frosta-Sprecherin Ahlers reagiert auf die Bedenken mit den Worten, dass gerade der Aspekt der Entsorgung nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Die Recyclingquote für Plastik in Deutschland liege weit unter 50 Prozent. "Allerdings sind auch ohne Berücksichtigung der Entsorgung nach unseren Berechnungen die Klimaemissionen des Papierbeutels geringer als die des Plastikbeutels."

Zum Vorschlag, Mehrwegsysteme einzuführen, sagt Ahlers: "Für den Einzelhandel können wir uns das im Moment noch nicht vorstellen, aber es ist auf jeden Fall ein interessanter Gedanke!" Für die Herstellung kaufe Frosta schon jetzt viele Zutaten in großen Mehrweggebinden, zum Beispiel Milchprodukte, Hartweizengrieß, Mehl oder auch Olivenöl.

Spannend dürfte werden, wie die Kundschaft auf die neuen Verpackungen reagiert. Denn auf den hellbraunen Beuteln aus naturbelassenem Papier ("ungebleicht und ungestrichen") sehen die Produktfotos nicht mehr so brillant aus wie bisher - und vor allem: Die Gerichte werden um etwa 20 Cent teurer, ein Plus um ungefähr fünf Prozent.

Mit Preissteigerungen hat der Mittelständler schon mal schlechte Erfahrungen gemacht: 2003 verabschiedete er sich als erster konventioneller Tiefkühlkost-Hersteller von allen Farbstoffen, Geschmacksverstärkern und anderen Zusatzstoffen. Weil durch das neue hauseigene "Reinheitsgebot" die Preise um 30 bis 60 Cent pro Packung stiegen, sank der Umsatz mit der reformierten Frosta-Hauptmarke damals um 42 Prozent, und erstmals seit Jahren schrieb das Familienunternehmen Verluste. Erst nach anderthalb Jahren konnte die Firma den Einbruch überwinden.

Frosta, nach eigenen Angaben Marktführer für Tiefkühlkost-Gerichte in Deutschland, bezeichnet den geplanten Abschied von der Plastik als "Revolution im Tiefkühlregal". Dreijährige intensive Arbeit sei nötig gewesen, um einen "innovativen Materialmix und eine spezielle Verarbeitung" zu entwickeln. "Die besondere Herausforderung lag darin, eine Papierverpackung zu schaffen, die trotz des feuchtkalten Milieus der Tiefkühlung einen zuverlässigen Produktschutz bietet."

Das Unternehmen sieht sich schon lange als "Vorreiter bei nachhaltigen Verpackungskonzepten". Seit 2013 seien etwa alle Schalenverpackungen aluminiumfrei, und seit 2016 verwende die Firma "sortenrein recycelbare Folie". Die landet nun bald auf dem Müllhaufen der Frosta-Firmengeschichte.

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