Ganz ohne Scham präsentieren sich Innenleben

Zehn Geschichten über das "Muldental": Daniela Krien setzt ihre eindrucksvollen Erzählungen über Ostdeutsche fort.

Juliane und Wiebke, beide Jahrgang 1978, waren nie Freundinnen, kannten sich aber schon lange. Die Unterschiede zwischen beiden Frauen sind inzwischen sehr groß. Juliane schlägt sich durch als alleinerziehende Mutter, das Jobcenter kann ihr keine angemessene Arbeit verschaffen. Wiebke Arndt-Weißhaupt, Kunsthistorikerin, hat ihren Professor geheiratet, aus der Ehe stammen vier Kinder. Nun putzt die eine bei der anderen, zehn Euro pro Stunde, zehn Fenster, die zu reinigen sind. Juliane schafft das, sie gehört, so die Autorin, "zu jener Sorte Mensch, der kaum wahrgenommen und schnell wieder vergessen wird". Doch für sie trifft zu: "Keiner sieht sie. Sie sieht alles."

In der Erzählung "Versuchung" handelt Daniela Krien ein gesellschaftliches Schichtenproblem ab. Die einen haben die Wendejahre genutzt, um sich in die neuen Verhältnisse zu integrieren. Die anderen, und das sind nicht wenige, haben es nicht geschafft. Die Sympathie der Autorin, 1975 geboren, gehört vor allem den Frauen, die auf der Strecke geblieben sind, die falschen Partner wählten und mit ihren Kindern allein leben. Krien hat ein ungewöhnliches Talent, die Gefühlslage dieser Menschen zu zeichnen.

Juliane findet beim Putzen Liebesbriefe an ihre Arbeitgeberin. "Liebste Wiebke", schreibt ein Verehrer, mit dem die Frau des Hauses offenkundig ein sexuelles Verhältnis hat. Juliane nimmt die Briefe mit in ihre Wohnung, studiert sie fasziniert, nachdem sie die dreijährige Tochter schlafen gelegt hat. Sie ist an- und aufgeregt, trinkt zu viel Wein, einige Passagen betören sie. Juliane versucht, sich in Wiebke zu versetzen, fragt sich aber auch, ob die Frau in besten Verhältnissen erpressbar ist. Sie erwägt das, zumal sie Wiebkes Ehemann kennt. Sie malt sich aus, was geschehen würde, gelangten die brisanten Briefe auf den Schreibtisch des Prof. Dr. Weißhaupt. Die will sie dort wortlos hinlegen.

Das tut sie dann doch nicht, weil sie weiß, dass sie dann vermutlich eine Verliererin sein würde. Sie braucht den Job, das Geld. "Blitzartig waren ihr all die Folgen aufgegangen", heißt es. "Keiner ahnt, wie sie fluchen kann."

Daniela Krien ist eine Autorin, die sich mit der Sprache auskennt, mit ihren Nuancen, Feinheiten und Untertönen. Sie erforscht beim Schreiben das Innenleben ihrer Figuren, ihre Eigendynamik, aber in einer Prosa ohne Herztümelei und falsche Scham. Ihre Kurzgeschichten kommen aus der Realität, es sind fesselnde Milieuschilderungen und plastische Porträts ihrer Figuren. Leser erfahren viel von gedrosseltem Leben, und sie verstehen es. Kriens Geschichten kommen ruhig daher, haben aber Wirkung. Ihr letzter Roman "Die Liebe im Ernstfall" brachte es auf Platz eins der "Spiegel"-Bestsellerliste, ihre Bücher wurden in 14 Sprachen übersetzt.

Die Mutter von zwei Töchtern, die in Leipzig lebt, ist dort umgeben vom Muldental, einem Landkreis im Norden Sachsens mit Hügeln, Tälern, Flüssen und alten Klöstern. In DDR-Zeit wurde Industrie angesiedelt, die aber inzwischen weitgehend brachliegt. Dort sind auch Maren und Bettina aufgewachsen, Freundinnen, die es nicht über Ausbildungen und Studien zu guten Jobs geschafft haben. Sie leben allein mit ihren Kindern, Träumen und Sehnsüchten.

Günti aus ihrem früheren Freundeskreis ist nun Anwalt, er empfiehlt den Frauen "Plan B", um an Geld zu kommen. Eine Wohnung wird gemietet, sie prostituieren sich, Bettina geht schnell darin auf, Maren hadert. Das Geschäft läuft gut an, die Kunden sind Beamte und Besitzer türkischer Geschäfte, Günti vorfinanziert das Ganze. Maren leidet, lässt sich aber überreden. "Einmal noch", sagt sie, als sie eigentlich aussteigen will. Es bleibt offen, ob es dafür schon zu spät ist.

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