Meditation in glühenden Farben

Die "Freie Presse" stellt Schätze aus 100 Jahren Kunstsammlungen Chemnitz vor. Heute: Alexej von Jawlensky: "Messalina" (1913)

Chemnitz.

Messalina war die Nichte und dritte Ehefrau des römischen Kaisers Claudius. Sie lebte um die Zeitenwende, soll habgierig, grausam, sinnenfroh, äußerst ausschweifend gewesen sein. Was ihr letztlich zum Verhängnis wurde und zu ihrer Hinrichtung führte. Anders als in vielen späteren Kopf-Bildnissen von Alexej von Jawlensky ist in diesem Porträt, dessen Vorbild wohl die russische Malerin Katharina Konstantinowka war, noch etwas zu sehen von der kaum zu bändigenden Lebenslust, die zur Wollust werden kann, von dem Stolz und der Besessenheit einer Frau, die es mit der Heimtücke der Männer ihrer Zeit aufnehmen konnte.

Doch eigentlich geht es in Jawlenskys Bildern gar nicht um ein verfremdetes, reflektiertes Abbild einer Wirklichkeit: Die meinte es mit dem Künstler nicht immer gut. 1865 in Russland geboren, sollte er zunächst Offizier werden, bis er seine Liebe zur Malerei entdeckte, sich in der Tretjakow-Galerie autodidaktisch schulte, später in St. Petersburg abends die Kunstakademie besuchte. Hier lernte er Ilja Repin kennen, der ihn für die weitere Ausbildung zu seiner ehemaligen Schülerin Marianne von Werefkin vermittelte. Eine Begegnung mit Folgen - jahrelang zogen die beiden gemeinsam durch das später vom Ersten Weltkrieg verwüstete Europa, bis sie sich 1918 trennten. Damals hatte Alexej von Jawlensky unter dem Einfluss von Cezanne und Gauguin, aber auch gemeinsam mit Wassili Kandinsky und Franz Marc, seine besondere Art zu malen längst gefunden. "In harter Arbeit und mit größter Spannung fand ich nach und nach die richtigen Farben und Formen, um auszudrücken, was mein geistiges Ich verlangte." Dank der Vermittlung einiger Freundinnen fanden Jawlenskys Gemälde Aufmerksamkeit und auch Käufer. Aber der Erfolg war nie von langer Dauer. Für den Kunstkritiker und lebenslangen Freund Will Grohmann jedoch gehörte der Maler zu den bedeutendsten seiner Zeit. 1925 schrieb er in einer Ausstellungsrezension über den "weiten Weg" Jawlenskys "hin zu Abstraktionen von so ausgewogenem Formenaufbau und so sensibler Farbenverteilung, dass man nicht weiß, ob man mehr die malerische Kultur oder die metaphysische Steigerung des Gegenstands bewundern soll." In Jawlenskys Bildern leuchtet die Welt, so dunkel sie auch sein mag. Seine Gewitter künden nicht von Zerstörung sondern von reinigender Kraft, seine Landschaften sind von innerem Licht erhellt, das von einem anderen Stern zu kommen scheint. Die Porträts entfernen sich immer weiter von ihrem Vorbild. Ihm sei "notwendig gewesen", schreibt Jawlensky 1938 in einem Brief, "eine Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, dass die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss, was in ihm Göttliches ist ..."

Ab 1927 kam die Krankheit, eine schmerzhafte Form der Arthritis, die am Ende zur vollständigen Lähmung führt. Jawlensky malte noch bis 1938 weiter, zuletzt in kleineren Formaten. Vor allem seine "Meditationen" zeugen von einer ungebrochenen inneren Kraft. Er reduziert Köpfe auf die angedeuteten Nasen-, Augen- und Mundlinien, die eine Art Kreuz bilden - letzter, höchster Ausdruck des Göttlichen, das er anstrebte. Ab 1938 konnte Alexej von Jawlensky nicht mehr malen. Er lebte in Wiesbaden, seine Werke wurden von den Nazis als "entartet" diffamiert, Einkünfte hatte er kaum noch. Will Grohmann wollte helfen: "Für den armen Jawlensky allerlei versucht, damit er seine dringendsten Rechnungen bezahlen kann. Aber das ist nicht leicht, und wenn sich ein Loch schließt, öffnet sich daneben ein anderes." Am 15. März 1941 starb Alexej von Jawlensky in Wiesbaden. Will Grohmann stand immer zu ihm: "Man hat Jawlensky vorgeworfen, seiner Kunst mangele es an Erneuerung ... Aber wie so oft offenbart sich gerade in dieser Beschränkung außerordentliche Meisterschaft."

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