Parteichef von Chrupallas Gnaden

Unmut entsteht in der AfD immer noch schnell: Als mehreren Mitgliedern der Eingang in den Saal verweigert wurde, weil sie in ein Bier in der Hand hielten, war es soweit. Es musste sofort engagiert diskutiert werden, wieso das "deutsche Kulturgut" unerwünscht war. Nach wenigen Minuten war die Sache erledigt, die Bierbecher blieben ausgeschlossen. Dieses Beispiel könnte eine Petitesse sein. Doch es steht sinnbildlich dafür, dass auch nach knapp einer Legislaturperiode im Landtag die AfD noch immer eine chaotische Partei ist. Und Parteichef Jörg Urban hat daran einen gehörigen Anteil.

Mehrmals drohte die Parteitagsregie am Wochenende die Kontrolle zu verlieren. Die Tatsache, dass man die Listenaufstellung am Freitagabend unterbrach, weil die Tagungshalle nur bis 21 Uhr gemietet war, löste einen halben Eklat aus. Ein Mitglied, das bei einer Frage länger ausholen wollte, wurde niedergeschrien. Und dass am späten Sonntagnachmittag noch nicht einmal Personal für die ersten 20 Plätze gewählt worden war, spricht für sich.

Urban - vordergründig der starke Mann in der sächsischen AfD - zeigte wenig bis keinen Elan, den Parteitag in geordnete Bahnen zu lenken. Während am Samstag der Ärger zwischen einzelnen Kreisverbänden hochkochte, weil die eine oder andere angebliche Absprache nicht eingehalten wurde, genoss Urban sichtlich seine Spitzenkandidatur, die er sich am Freitagabend gesichert hatte. Als Machtfaktor in der AfD trat er nicht in Erscheinung. Zwar war Urban dem Vernehmen nach in den vergangenen Monaten durch Sachsen gereist, um sich bei möglichst vielen Mitgliedern bekannt zu machen. Doch selbst seine Unterstützer zeigten sich beim Parteitag frustriert, wie wenig er aus diesen gewonnenen Kontakten machte.

Dagegen zog Tino Chrupalla, über Wochen Urbans schärfster Konkurrent im parteiinternen Wettstreit um Listenplatz eins, augenscheinlich mit die Fäden in Markneukirchen. Er war es, der mit einzelnen Kreisverbänden am Samstagabend eine Lösung suchte, um auch kleinere Kreisverbände auf der Liste prominent zu bedenken. Wer Urban nach diesem Wochenende einen Parteichef von Chrupallas Gnaden nennt, liegt nicht falsch.

Es ist nur noch schwer vorstellbar, dass Urban bei der Entscheidung über den Ministerpräsidenten-Kandidaten, die im Sommer ansteht, ein gewichtiges Wort wird mitreden dürfen. Dass er weniger Charisma als Chrupalla besitzt, dass er kein guter Redner ist, war auch vor dem Treffen am Wochenende bekannt. Nun verabschiedete er sich aus unerfindlichen Gründen auch aus dem parteiinternen Poker um die aussichtsreichen Listenplätze.

Gerne würde die AfD ab September regieren. Mal unabhängig von der Tatsache, dass die CDU eine Koalition mit ihr vehement ablehnt: Welcher mögliche Partner sollte eigentlich mit einer Partei koalieren wollen, in der die Parteiführung so wenig zu sagen hat und ein Parteitag zum reinen Glücksspiel wird?

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1Kommentare
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  • 1
    2
    DTRFC2005
    19.02.2019

    Das klingt mir nach reinem Postengescharrere. Das was man allgemein anderen Parteien vorhält, wird hier 1 zu 1 versucht umszusetzen. Jedes gewonnene Mandat bringt Geld in die eigene Tasche. Kein Wunder wenn das solange dauert.



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