Regionalstudie: Osten holt auf, Westdeutschland bröckelt

Forscher sehen in 19 von insgesamt 96 deutschen Regionen drängende Zukunftsprobleme, trotz des Aufholprozesses auch im Osten. Die drei wirtschaftlichen Schlusslichter liegen aber woanders.

Berlin.

Wie lässt sich "Zukunftsfähigkeit" messen? Genau dieses Problems haben sich Wissenschaftler in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln angenommen. Sie wollten herausfinden, ob es in den Städten besser ist als auf dem Land oder im Osten schlechter als im Westen. Doch so viel ist klar: Weder das eine noch das andere trifft nach Analyse der Forscher in dieser Pauschalität zu.

Um sich ein genaueres Bild zu verschaffen, haben die Wissenschaftler 96 Regionen in Deutschland unter die Lupe genommen und als Indikatoren für deren Zukunftsfähigkeit Wirtschaft, Bevölkerungsentwicklung und Infrastruktur herangezogen. Südwestsachsen rangiert in der Gesamtbewertung gerade noch im bundesdeutschen Mittelfeld. Vor allem die Überalterung der Bevölkerung und Defizite in der Infrastruktur fallen negativ ins Gewicht. Wirtschaftlich schneidet die Region der Studie zufolge hingegen gut ab, während andere Landstriche weit abgeschlagen sind.

Im Osten sind das besonders die Altmark und der Raum Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, beides in Sachsen-Anhalt.

In Sachsen schneidet die Region Oberlausitz-Niederschlesien am schlechtesten ab. Ausschlaggebend ist jeweils die schwache wirtschaftliche Entwicklung gepaart mit einem hohen oder sogar weiter steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung. Als generelles Minus im Osten nennen die Forscher die geringe digitale Infrastruktur.

Einige Regionen im Osten, etwa Dresden, Leipzig und Jena, haben derweil laut der Studie eine beachtliche Entwicklung hinter sich. Trotz niedrigem Ausgangsniveau im Jahr 2011 seien in diesen Regionen die Arbeitslosenzahlen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken und zugleich die Löhne teils überdurchschnittlich gestiegen. Auch der Zuzug junger Menschen schlägt sich positiv in der Bewertung nieder.

Zugleich gibt es etliche Regionen im Westen, die gegen den Abstieg kämpfen, auch wenn meist aus anderen Gründen als im Osten. So haben die drei städtisch geprägten westdeutschen Regionen Duisburg/Essen, Emscher-Lippe und Bremerhaven zwar keine demografischen Probleme. Allerdings ist ihre wirtschaftliche Entwicklung dürftig. Im bundesweiten Vergleich bilden sie in der Studie sogar die drei Schlusslichter unter allen 96 Regionen. Auch im Saarland und in der Westpfalz ist die Lage nicht viel besser.

Ein Problem, das im Westen deutlich massiver auftritt, sind Mängel in der Infrastruktur. Hierzu zählen die Macher der Studie überalterte Verkehrswege. Als Indikator dienen aber auch öffentliche Schulden. Denn hat eine Gemeinde hohe Schulden, kann sie künftig wenig investieren. Dies mindert ihre Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten.

Die Forscher betonen, das landläufige Bild von prosperierenden Städten und abgehängten ländlichen Gegenden treffe nicht generell zu. Einige Städte in NRW seien gefährdet, etliche ländliche Regionen in Bayern prosperierten dagegen. Und anders als mitunter behauptet, gebe es Handlungsbedarf in Ost wie West.

IW-Chef Michael Hüther betont am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie in Berlin, entscheidend sei, dass Stadt und Land so attraktiv wie möglich würden. Dies gelinge beispielsweise, indem der Staat Geld für überschuldete Kommunen sowie für den Ausbau moderner Verkehrsinfrastruktur zur Verfügung stelle. Wenn das Land durch eine gute Anbindung und attraktiven öffentlichen Nahverkehr an die Metropolen angebunden sei, werde das Land als Wohnort für Pendler attraktiv.

Dies gelte vor allem in Zeiten, in denen sich vor allem Familien die Mieten in den Städten nicht mehr leisten können. In der Folge siedelten sich auf dem Land auch Gewerbe und kleinere Unternehmen an. Diese Chancen müsse die Politik nutzen. Sie müsse die enormen Potenziale für die Zukunft erkennen, statt "das Entleeren der Regionen" hinzunehmen.

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