Schüler überlegen: Was hat Anne Frank mit Corona zu tun?

Um das Thema Freiheit geht es beim diesjährigen Anne-Frank-Tag, an dem sich das Förderzentrum in St. Michaelis beteiligt.

Brand-Erbisdorf.

Am 12. Juni wäre Anne Frank 91 Jahre alt geworden. Deshalb gibt es am Freitag einen bundesweiten Anne-Frank-Tag. Dieser Aktionstag gegen Antisemitismus findet in diesem Jahr anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes unter dem Motto "Freiheit" statt. Zu den 340 teilnehmenden Schulen gehört auch das Förderzentrum "Clemens Winkler" im Brand-Erbisdorfer Stadtteil St. Michaelis.

In dieser Woche beschäftigen sich die 13- und 14-jährigen Schüler mit den teils digitalen Lernmaterialien zu Anne Frank und ihrem Tagebuch, die das Anne-Frank-Zentrum in Berlin zur Verfügung gestellt hat. So sahen sie ein Video an, in dem der jüdische Holocaust-Überlebende Zvi Aviram seine Erfahrungen schildert.

Die Förderschüler setzen sich ganz konkret mit dem Thema auseinander. Ein Beispiel: Jason zeigt ein Modell des Hinterhauses in der Prinsengracht in Amsterdam. "Hier haben sich die acht Untergetauchten, die Juden waren, versteckt", deutet er auf die oberen Räume. Dann weist er auf eine Seitentür: "Und hier ist eingebrochen worden. Danach kam die Polizei und klopfte auch an das Bücherregal, hinter der das Versteck lag. Die Untergetauchten hatten Angst, dass sie gleich entdeckt werden. Die Polizisten fanden sie aber nicht." Am Morgen des 4. August 1944 allerdings wurden Anne, ihre Schwester Margot, ihre Eltern und vier weitere Juden verhaftet. Nur Annes Vater Otto Frank überlebte die Vernichtungslager. "Ich muss oft daran denken", sagt Max. Klassenleiterin Ute Schnabel nickt und sagt, dass es vielen Schülern so gehe.

Acht Wochen waren die Förderschüler in der Coronapause, also nicht in der Schule. "Was Einschränkungen in der Freiheit bedeuten, haben sie jetzt selbst erlebt", sagt Ute Schnabel. Aus dieser Perspektive heraus falle es den Schülern leichter, sich in die Lage von Anne Frank hineinzuversetzen. Im Unterricht fragt Ute Schnabel, was Juden in der Nazizeit alles nicht durften. Philipp, Nick, Leon, Max und Jason zählen auf: Fahrrad fahren, ins Schwimmbad gehen, Eis essen. Und die Lehrerin fragt auch gezielt: "Ihr wusstet ja, dass ihr nach einer Zeit wieder herausdürft und dann gesund seid. Das war bei Anne Frank anders." Und: Bei der Coronapandemie waren alle von den Einschränkungen betroffen, nicht nur eine bestimmte Gruppe. Die Schüler horchen auf und nicken. Ein Junge sagt: "In den Garten, das Fenster aufmachen oder mal mit zum Einkaufen durften wir ja auch. Das konnte Anne Frank nicht. Die Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung setzen sich aber auch mit dem alltäglichen Rassismus und Antisemitismus von heute auseinander.

Eigentlich wollten die Schüler im Juni zum ehemaligen KZ Theresienstadt fahren. Die Kinderoper "Brundibár", die dort 1942 uraufgeführt wurde, kennen sie schon. Sergio Raonic Lukovic und José Luis Gutiérrez vom Mittelsächsischen Theater hatten dazu im Februar mit der Klasse ein Projekt mit Musik und Choreografie erarbeitet. "Wegen Corona wurde die Fahrt nach Theresienstadt verschoben. Wir fahren nächstes Jahr", so Ute Schnabel.


Der Stempel muss nach der Schule abgewaschen sein

Nach achtwöchiger Pause läuft der Unterricht am Lernzentrum "Clemens Winkler" wieder planmäßig. Aufgrund der kleinen Klassen sind Abstände kein Problem. Jeden Morgen legen die Kinder eine Eltern-Bescheinigung vor, dass sie gesund sind, und sie erhalten nach dem Händewaschen einen "Coronastempel". Der muss am Schulende weg sein - als Zeichen für richtiges Händewaschen. (hh)

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