Wer klaut denn einen DDR-Beutel aus dem Museum?

Es müssen nicht gleich die Juwelen aus dem Grünen Gewölbe sein. Manche Leute brauchen einfach alles. Zum Beispiel Stoffeinkaufsbeutel aus Dederon, bestätigt Museumschefin Marina Palm.

Hohenstein-Ernstthal.

Museumsleiterin Marina Palm traute ihren Augen kaum. Die Mannschaft des Textil- und Rennsportmuseums hatte sich einiges einfallen lassen, um die Fotoausstellung zum Thema "30Jahre Wende" mit einigen DDR-typischen Utensilien zu schmücken. Darunter auch einige klassische DDR-Dederon-Einkaufsbeutel. Doch statt der ursprünglich ausgestellten fünf zierten nach dem ersten Ausstellungswochenende nur noch zwei die Exposition. Drei haben offensichtlich Beine bekommen.

Marina Palm ist leicht irritiert: "Wenn man vor 30 Jahren jemandem gesagt hätte, dass so ein Einkaufsbeutel geklaut wird, der hätte sich an den Kopf gefasst. Jetzt hängen sie in einer Ausstellung. Macht es sie deshalb so wertvoll?" Klar, für die Museumsleute haben sie ideellen Wert. Denn hinter den Beuteln steckt Zeitgeschichte. In DDR-Zeiten wurde dieser Dederon-Stoff in der Palla in Glauchau hergestellt. Daraus fertigte die DDR-Produktion Regenschirme. Dafür wurde das Kunstfasergewebe in lange Dreiecke zugeschnitten, die dann, miteinander vernäht, den Bezug des Schirmes bildeten. Weil die Produktion nicht so viel benötigte, konnten die Mitarbeiter die Dreiecke bündelweise zum Spottpreis kaufen. Pfiffige Ossis verwandelten fünf solcher Dreiecke an der heimischen Nähmaschine zu einem Einkaufsbeutel. Vier bildeten die Tasche, einer den Henkel. Die Beutel wurden an Verwandte und Bekannte verkauft. Ein schönes Taschengeld für den Urlaub sprang immer dabei heraus.

Die Dederon-Beutel mit dem entgegenlaufenden Dreiecksmuster hatten weltweit Wiedererkennungswert. "Das ist kein Witz. Ich habe mir Anfang der 90er mein Traumziel Venedig angeschaut. Da habe ich mehrere Reisegruppen am typischen Ossi-Beutel identifizieren können", sagt Marina Palm. Zum Glück hat sie noch einige Beutel im Museumsdepot auf Lager. Trotzdem: "Ich habe jetzt sicherheitshalber nur noch zwei hängen lassen, den Klassiker und ein aus Dederon-Streifen gehäkeltes Einkaufsnetz." Das Motiv der Diebe wird im Unklaren bleiben: Fakt ist: Einen Ossi-Einkaufsbeutel hängt sich niemand als Erinnerungsstück an die Wand. Aber im Moment redet ja die ganze Welt von Klimaschutz und Nachhaltigkeit, da liegt man mit dem guten alten Stoffbeutel vermutlich wieder im Trend.

Grund zur Freude hat die Museumsleiterin dennoch. Vor allem wegen der Besucherzahlen. Das Museum hat in den vergangenen Wochen einen regelrechten Boom erlebt. "Wir hatten innerhalb von drei Wochen im Zeitraum Ende Oktober/Anfang November 2000 Besucher im Museum. Das gab es noch nie", berichtet Marina Palm.

Einen Riesenanteil daran hatte ein einziger Tag. Ein regionales Busunternehmen hatte zu einer Ausfahrt in die Region eingeladen. 900 Interessenten hatten sich gemeldet. Dabei fuhren die Busse nicht nur den Sachsenring an, sondern auch das Textil- und Rennsportmuseum. "Im 90-Minuten-Takt haben wir die Gruppen durch das Museum geführt. An dem Großkampftag waren wir mit 22 Leuten, darunter viele Ehrenamtler, im Einsatz. Das war ein Kraftakt, aber der hat sich für uns gelohnt und das Museum noch bekannter gemacht."

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