Zweite Geige

Wuppertal feiert den 200. Geburtstag seines berühmtesten Sohnes Friedrich Engels mit einer Ausstellung - und blendet die Folgen des Kommunismus darin völlig aus.

Wuppertal.

Kann man eine Ausstellung über Friedrich Engels machen, ohne dabei die Folgen zu erwähnen? Ohne auf Lenin und Stalin zu verweisen und die vielen Opfer, die der Kommunismus forderte? Zum 200. Geburtstag des Unternehmers, Philosophen und Revolutionärs am 28. November feiert das Historische Zentrum Wuppertal den berühmtesten Sohn der Stadt mit einer Sonderausstellung und geht dabei biografisch vor: Der Rundgang endet mit dem Tod 1895, die Schau soll eine "historische Basis" bieten. "Die Geschichte des Kommunismus und seiner Folgen wird im Engelsjahr an anderer Stelle beleuchtet", schreibt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Grußwort des Katalogs. Mehr als 100 Veranstaltungen sind allein in Wuppertal geplant. Da bleibt Raum für Diskurse. Aber hätte man nicht wenigstens kurz auf die weiteren Entwicklungen im 20. Jahrhundert eingehen können?

Das Ausblenden der Wirkungsgeschichte ist nicht der einzige Schönheitsfehler der durch Corona mit Verspätung eröffneten Ausstellung "Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa". Das historische Engels-Haus wird renoviert und soll zum Geburtstag im November öffnen. Das sehenswerte Museum für Frühindustrialisierung direkt daneben sogar erst im Frühjahr 2021. Statt an einem authentischen Ort sind die mehr als 350 Exponate deswegen in der altehrwürdigen Kunsthalle Barmen zu sehen, die ihre besten Tage lange hinter sich hat und den ärmlichen Charme einer kommunalen Kultureinrichtung besitzt.

Als Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus spielte der 1820 als Sohn eines Baumwollfabrikanten im heutigen Wuppertaler Stadtteil Barmen geborene Friedrich Engels neben Karl Marx mehr als nur die "zweite Geige", wie er es selbst bescheiden zu sagen pflegte. Gemeinsam verfassten die beiden 1848 das "Kommunistische Manifest", dem der Ausstellungstitel entlehnt ist. Engels fungierte als Vordenker und Ideengeber. Er unterstützte Marx finanziell und gab nach dessen Tod den zweiten (1885) und dritten (1894) Band von "Das Kapital" heraus. Während des Kalten Krieges wurde Engels im Osten als "Architekt des Weltkommunismus" verehrt (wenn man ihn mitunter auch zum Stichwortgeber degradierte und für so manche unerwünschte Komponente des Marxismus verantwortlich machte). Im Westen dagegen machte man ihn zu einem der Hauptverantwortlichen für Diktatur, Gulag und kommunistischen Dogmatismus.

Eine Mythisierung erfolgte also auf beiden Seiten, doch das Kuratorenteam um Heike Ising-Alms entzieht sich dem vollkommen, indem die Schau sich wertfrei auf die biografischen Daten fokussiert. Eine Ahnengalerie aus Porträts und das seidene Taufkleid von Friedrich Engels empfangen den Besucher im ersten Raum und vermitteln einen Eindruck von dem in der Tat "gut betuchten" Milieu, in das der Junge hineingeboren wurde: Mit Büchern und Hausmusik wächst er auf. Trotzdem erlebt er in der elterlichen Fabrik früh auch die Armut der Arbeiter. Schon mit 18 rebelliert er gegen den pietistischen und kapitalistischen Geist seiner Heimat und kritisiert in seinen "Briefen aus dem Wuppertal" das Elend, in dem die Proletarier hausen.

Weil der Vater ihm ein Studium verwehrt und ihn zum Nachfolger bestimmt, beginnt Engels in Bremen eine Lehre als Kaufmann. Dort schließt er sich den Junghegelianern an und publiziert erste Artikel. Als Poet und privilegierter Zecher lässt er es sich gut gehen und überredet die Lehrlinge, Schnurrbärte zu tragen, was damals als revolutionär galt. In der Ausstellung zeugen Karikaturen des jungen Engels von den Jahren an der Weser, der er 1841 mit den Worten den Rücken kehrt: "Danke Gott, dass ich endlich dies langweilige Nest verlasse." Nach dem Militärdienst beendet er in Manchester die Lehre. Er ist erbost über die Lebensverhältnisse der Arbeiter und nennt sie "Sklaven der besitzenden Klasse". Der Eindruck radikalisiert ihn: Engels veröffentlicht 1845 seinen Text zur "Lage der arbeitenden Klasse in England".

Noch einmal kehrt Engels nach Deutschland zurück, wo er in Elberfeld 1849 auf die Barrikaden geht und sich danach als Adjutant den badisch-pfälzischen Aufständen anschließt. Bald wird er steckbrieflich gesucht und muss nach England fliehen, wo er wiederum in Manchester als Industrie-Spion für den Vater agiert, der vermutet, dass sein Kompagnon Gelder veruntreut. Mit historischen Fotos, Autographen und Erstausgaben zeichnet die Wuppertaler Ausstellung den Lebensweg des Sozialreformers nach. 1869 lässt Engels sich auszahlen und setzt sich in London zur Ruhe, wo er nicht weit von Marx ein Häuschen bezieht und in wilder Ehe mit Mary Burns (und nach deren Tod mit deren Schwester Lizzie) zusammenlebt, bis er an einem Speiseröhren- und Kehlkopfkarzinom 1895 stirbt.

Aktuell ist das Werk von Friedrich Engels bis heute. Das hat nicht nur die Finanzkrise 2007 gezeigt, sondern beweisen gerade wieder die Umstände, in denen die Arbeiter von Großschlachtbetrieben hausen, wie die Coronakrise jetzt an den Tag gebracht hat. Vielleicht schafft es im November ja die neu konzipierte Schau im Engels-Haus, diese Gegenwärtigkeit herauszuarbeiten. Die etwas verstaubt anmutende Sonderausstellung zum Jubiläum in der Kunsthalle Barmen auf jeden Fall bleibt auch das schuldig.

Die Ausstellung "Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa" ist noch bis 20. September in der Kunsthalle Barmen zu sehen. Geöffnet ist dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, donnerstags 13 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.friedrich-engels-haus.de

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Nixnuzz
    05.06.2020

    Bei meinen mangelhaften Geschichtskenntnissen: War nicht die Situation der englischen Arbeitnehmerschaft primär der Ideenauslöser für sein Manifest? War die damals mit den Situationen hier auf dem Kontinent so vergleich- bzw. anwendbar?

  • 3
    4
    Freigeist14
    04.06.2020

    Da ist wohl die Stadt Wuppertal weiter als manch konservativer Autor . Was kann ein Friedrich Engels als Weggefährte von Marx für die Verwerfungen und Entstellungen der sozialistisch/ kommunistischen Idee ? Engels sah als Sohn aus reichem Hause die entsetzliche Not und Machtlosigkeit der Besitzlosen . Es war sicher nicht seine fixe Idee , eine Diktatur einer Sippe von Berufsrevolutionären den Weg zu ebnen . Vielleicht mal bei Frank Schirrmacher nachschauen ,was ein Konservativer bei Marx Richtiges gelesen haben will .......................