Autismus: Betroffene liefert Innenansichten

Krankheit, Störung oder "extremes Menschsein"? Der Verein Autismus Vogtland hat am Samstag in Auerbach einen Vortrag geboten. Referentin war eine "Brückenbauerin".

Auerbach.

Nein, eine Krankheit sei Autismus nicht. Erst recht keine Störung. Gegen den negativ besetzten Begriff wehrt sich Gee Vero mit aller Deutlichkeit. Unter Autismus-Spektrum-Störung wird in der Fachsprache einsortiert, wer sein Leben mit Asperger oder frühkindlichem Autismus bewältigen muss. Von beidem kann die scheinbar selbstsichere Frau, die in der Auerbacher Seminar-Oberschule stundenlang und flüssig vor 130 Leuten spricht, ein Lied singen. Sie bekam mit 37 Jahren die Diagnose Asperger-Syndrom. Ihr Sohn hat frühkindlichen Autismus. Auf Einladung des Vereins Autismus Vogtland schilderte sie am Samstag Betroffenen, wie entspannteres Miteinander aussehen kann.

"Für mich ist Autismus extremes Menschsein", sagte Gee Vero. Will heißen: Im Gehirn werden Reize anders geordnet, verarbeitet, bewertet. Autistische Kinder würden oft ungezogen wirken, erklärte sie. Dabei versuchen sie "nur", mit neuen Situationen klarzukommen. Die Referentin, Künstlerin und Autorin aus Kitzscher bei Grimma hat Strategien entwickelt, typische Reaktionen auf unterschiedlichste Reize zu unterdrücken. Beim Erklären versuchte sie, Wissenslücken nicht autistischer Menschen zu schließen. "In der Gesellschaft schwirrt immer noch der Gedanke umher, jeder Autist ist ein Genie", so die 47-Jährige. Klar, sie hat Anglistik studiert und geht ihren Weg. Fakt ist aber auch: Autismus reicht von Hochbegabung bis zu geistiger Behinderung.

Christoph Ulrich

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"Jeder von uns ist in seiner eigenen Welt, aber wir wollen da raus", lieferte Gee Vero Innenansichten. Sie hält es für erfolgversprechend, Gebärdensprache als erste Fremdsprache in Schulen einzuführen. Auf diese Weise lässt sich offenbar ein gemeinsamer Nenner schaffen. Von tatsächlicher Inklusion sind Bildungseinrichtungen ihren Worten zufolge aktuell aber noch weit entfernt. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazugehört. "Der Ist-Zustand ist Integration", sagte Gee Vero. Konzepte von Regelschulen machen die Sache alles andere als einfach. Dort müssten Schüler funktionieren, sich anpassen, in großen Gruppen lernen. "Wer das nicht kann, ist raus. Autistische Kinder sind anders, können sich nur bedingt anpassen und erbringen Leistungen auf andere Art, die nicht so wahrgenommen wird."

Dabei ist Wahrnehmung das A und O. "Ich würde mir wünschen, dass Therapieeinrichtungen beginnen, an der Wahrnehmung zu arbeiten und nicht am Verhalten", sagte Gee Vero. Außerdem würden mehr Schulbegleiter gebraucht. "Sie sind ein wichtiges Hilfsmittel, die Brücke zu anderen Kindern." Beim Autismus-Verein sind derzeit 30 angestellt. Sie begleiten Mädchen und Jungen in unterschiedlichsten Einrichtungen von der Förderschule bis zum Gymnasium. "Wir bekommen die Stunden genehmigt, die wir benötigen", berichtete Vereinschefin Sabine Heckel. "Da leistet unser Sozialamt einen sehr guten Beitrag."

www.autismus-vogtland.de

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