Leben, Liebe, Sehnsucht, Tod

Die "Freie Presse" stellt Schätze aus 100 Jahren Kunstsammlungen Chemnitz vor. Heute: Edvard Munch "Das kranke Kind" (Grafik, 1894)

Chemnitz.

Eine Frau, die Tante, sitzt neben dem kranken Mädchen am Bett. Eine unheimliche, sanfte Stille liegt über der Szene. Das bleiche Gesicht des Kindes scheint eins zu werden mit dem Weiß des Kissens, es geht auf im Licht der Welt, die es umgibt. Als Edvard Munchs Gemälde "Das kranke Kind", manchmal auch "Krankes Mädchen" genannt, 1886 zum ersten Mal in Kristiania, dem heutigen Oslo, gezeigt wurde, löste es mit anderen Bildern Munchs einen Skandal aus.

Das waren: "Der Tag danach" - eine müde Frau, die halb entblößt auf einem Bett liegt, neben den Getränkeresten der Nacht; "Pubertät" - ein schmales, verletzlich wirkendes Mädchen, die Hände zwischen den Schenkeln, vor einem dunklen Schatten, der sich ihr wie das drohende Erwachsenenleben nähert. Die Bilder handelten von "verschrobenen Phantastereien und Halluzinationen", schrieb ein Kritiker, ein anderer empfahl, an Munchs Bildern "stumm vorüber zu gehen", sie würden das Niveau der Ausstellung "tief hinunterdrücken". Und doch hatte Edvard Munch den Geist der Zeit eingefangen, vielleicht lange, bevor die Zeit ihn selbst verstand.

Edvard Munch wurde 1863 in Kristiania geboren. Sein Vater war ein religiöser Arzt, der in den Arbeitervierteln der Stadt praktizierte, was den Sohn ebenso prägte wie die an tragischen Krankheits- und Todesfällen reiche Familie. Seine junge Mutter starb mit 33 Jahren an Tuberkulose, ebenso seine ältere Schwester Sophie, an die "Das kranke Kind" erinnert. Auch sein Bruder Andreas wurde nicht alt. Munch musste zunächst auf Wunsch des Vaters ein Jahr an einer technischen Schule absolvieren, bevor er sich ganz der Kunst zuwenden konnte. Mitte der 1880er-Jahre begegnete er dem Kreis um den radikalen Anarchisten Hans Jäger in Kristiania, der unter anderem Gebote postulierte wie: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter nicht ehren", "du sollst keinen steifen Kragen tragen" und "du sollst dir selbst das Leben nehmen". Dennoch teilte Munch mehr "ihre Lebensanschauung als ihre Lebensweise", wie sein Freund und Biograf Rolf Stenersen schreibt. Das Unbehagen an der Zeit des aufblühenden Kapitalismus und seiner Konflikte, die sich in zwei großen Kriegen entladen würde, aber teilte Munch. Die Menschen in seinen Bildern scheinen alle gezeichnet von einem Leben, dessen Anforderungen sie nicht standhalten wollen und können. Von Sehnsucht, unerfüllter Liebe, Krankheit und schließlich Tod gezeichnet sind die Figuren in Munchs großem "Fries des Lebens", den er vor allem in den 1890er-Jahren schuf, zu dem auch der berühmte "Schrei" gehört. Edvard Munch rang um seine Bilder, variierte viele Motive, schuf etwa 1700 Gemälde und hunderte Grafiken. 1892 zeigte erstmals eine Ausstellung in Berlin Munchs Bilder - wurde aber bereits nach einer Woche wieder geschlossen. Doch nun war der Künstler auch in Deutschland bekannt, was ihm schließlich 1905 eine Einladung des Chemnitzer Unternehmers Herbert Eugen Esche einbrachte, dessen Familie er porträtierte.

Doch der künstlerische Erfolg brachte keinen Segen für den Norweger, der unter unglücklichen Liebesbeziehungen ebenso litt wie zeitweise an Alkoholproblemen: "Das einzige, was mir half, wenn ich eine Straße überqueren musste, war ein Schnaps, am liebsten zwei - drei." Und das Malen war für ihn Krankheit und Therapie zugleich: "Malen ist für mich eine Krankheit, ein Rausch. Eine Krankheit, die ich nicht loswerden will, ein Rausch, den ich brauche." "Ich will die Menschen darstellen, die atmen, fühlen, lieben und leiden. Dem Beschauer soll das Heilige daran bewusst werden, so, dass er den Hut abnehmen wird wie in der Kirche." Seine letzten Lebensjahre verbrachte Edvard Munch anerkannt, aber einsam in der Künstlerkolonie Ekely bei Oslo. Er starb im Januar 1944.

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