Spagat von Kinder- bis Olympiatraining

Leichtathletik: Bundestrainer Sven Lang blickt auf schwierige Tage zurück, kann in den Zeiten von Einschränkungen aber auch Gutes entdecken

Gelenau.

Sven Lang hat in den vergangenen Wochen eine Menge ungewöhnlicher Dinge entscheiden müssen. Vom Stützpunktleiter des LV 90 Erzgebirge bis zum Trainer der Olympiakader reicht die Spanne. Der Bundestrainer im Kugelstoßen, der vor wenigen Tagen seinen 58. Geburtstag feiern durfte, sieht im ganzen Corona- Dilemma aber auch einige positive Aspekte. Thomas Schmidt hat mit ihm gesprochen.

"Freie Presse": Herr Lang, Steven Richter aus Gelenau, dem Sitz des Stützpunkts LV 90 Erzgebirge, hat Ihnen nachträglich ein Geschenk gemacht. Wie ordnen sie die 21,08 Meter des 17-Jährigen am Wochenende beim Neustädter Kugelcup ein?

Sven Lang: Weit oben. Im vorigen Jahr hat es weltweit kein U-18-Athlet über 21 Meter geschafft. Und Steven, der kurz zuvor bei einem inoffiziellen Wettkampf sogar 21,62 Meter hingelegt hat, stößt deutlich weiter, als es David Storl in diesem Alter getan hat. Und der ist dann Weltmeister geworden.

Ein neuer Weltmeister unter Trainer Lang also?

So schnell geht das nicht. Es braucht viel Geschick und Glück, um bei den Männern ganz oben anzukommen. Aber Steven hat das Potenzial - und einen Vorteil.

Welchen?

Er ist im Gegensatz zu Angleiter David Storl Drehstoßtechniker, groß und mit langen Armen ausgestattet. Das sind beste Voraussetzungen.

Wie ist diese Leistung kurz nach den Corona-Einschränkungen zu erklären?

Zunächst muss ich feststellen, dass es schwierig war, alle Forderungen zu erfüllen. Aber im Hochleistungs- und kurz danach im Bereich der Nachwuchsbundeskader durften wir schnell in kleinen Gruppen und gestaffelt trainieren. Erst im Freien, dann in der Halle, erst im Verhältnis Trainer-Athleten von 1:3, später von 1:5. Wir haben stets alle Kräfte zu aktivieren versucht, brauchten 7 Trainer für 35 Trainierende. Generell: wenig Sportler auf großer Fläche.

Und dann noch in jedem Bundesland verschieden, oder?

Ja, das macht es zusätzlich kompliziert, es gibt auch jetzt noch extreme Unterschiede. In Nordrhein-Westfalen sind bis zum 31. Juli gar keine Wettkämpfe erlaubt, in Thüringen dürfen dagegen teils bereits wieder Zuschauer dabei sein.

Und bei den Jüngeren?

Da war alles komplizierter. Im Stützpunkt üben Zehnjährige und Erwachsene gleichermaßen - und das in fünf Hauptorten: Annaberg, Stollberg, Gelenau, Thum, Marienberg. Wir haben mehr Hygiene- als Trainingspläne erstellt, Konzepte über Konzepte geschrieben, Genehmigung um Genehmigung eingeholt. Und alte Haudegen in unserer Trainerschaft - wie Rolf Kohlmann und Dieter Hertel etwa - mussten daheim bleiben. Aufgrund ihres Alters gehören sie zur Risikogruppe. Es gab eine Unmenge an Dingen zu beachten - bis zu denen für die Eltern.

Inwiefern?

Beispielsweise, dass sie für den Weg zum Training keine Fahrgemeinschaften bilden und dann ihren Kindern nicht zuschauen dürfen. Der Zutritt in die Sportstätten war nur Betreuern und Sportlern erlaubt.

Und hat sich das alles Ihrer Meinung nach bewährt?

Ja, wir hatten in unseren Reihen keinen einzigen Infektionsfall.

Wer hat das alles gestemmt?

Viele, auch Helfer außerhalb des Vereins. Drei Beispiele: Als wir die Halle in Sektoren untergliedern, absperren und kennzeichnen mussten, übernahm das die Stadt Thum. Das Schilderwerk Beutha als einer unserer Sponsoren hat für jeden Sportler Desinfektionsmittel mit Namensaufdruck bereitgestellt. Für Mutti Schwanitz mussten wir während der Trainings- und Rehazeiten einen Kinderdienst organisieren.

Olympia ist abgesagt, internationale Meisterschaften auch. Wofür trainieren Sie eigentlich?

Gute Frage. Dieses Jahr werden noch Deutsche Meisterschaften nachgeholt. Sonst herrscht Flaute, wir vom LV 90 Erzgebirge bereiten aber für den 22. August noch unseren Werfertag und das Erzgebirgsmeeting vor - modifiziert natürlich.

Und wo liegt nun bei all den Problemen das Gute?

Wir stehen nicht unter Druck, da die Zeit nicht drängt. Bestes Beispiel ist Christina Schwanitz, die im November ihre Knieoperation hatte. Unsere Weltmeisterin können wir nun ganz langsam kurieren und aufbauen, im Oktober beginnen wir mit der Vorbereitung auf Olympia. Bis dahin darf sie allgemeines Training, Physio und Urlaub genießen.

Und die Deutsche Meisterschaft?

Die lässt sie aus. Sie hat gesagt, dass sie schon 14-mal Meisterin war und keinen Wert darauf legt, den 15. Titel vor leeren Rängen zu erzielen.

Und die etwas Jüngeren, wie motivieren sie die?

Zurück zum Anfang des Interviews. Für Steven Richter ist es sicherlich doof, dass EM und WM in seinen Altersklassen wegfallen. Aber letztlich gilt das für alle.

Und was hat die Krise Ihnen gebracht?

Neben ungeheuerlichem Aufwand viele Erkenntnisse - und erstmals seit 25 Jahren im Sommer die Möglichkeit, in Familie eine Woche Urlaub zu machen.

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