Dampfrösser auf Betriebstemperatur

Am heutigen Sonnabend startet die Fichtelbergbahn in den regulären Fahrbetrieb. Die Vorarbeiten sind nicht ganz ohne.

Oberwiesenthal.

Nahezu acht Wochen haben gefiederte Vögelchen zwitschernd den Ton auf dem Bahnhofsgelände von Oberwiesenthal angegeben. Unter das Trällern der nun von Lampen, Strommasten und Telefondrähten weichenden Leichtgewichte mischt sich jetzt wieder das Signaltrillern des Eisenbahnpersonals. Mit einem weithin vernehmlichen Schnaufen und teils ohrenbetäubenden Pfeifen erobern Dampfrösser ihre angestammten Schmalspurgleispositionen am Fuße des Fichtelbergs. Noch bevor am heutigen Sonnabend nach coronabedingter Arbeitspause die kohlefressenden Maschinen wieder bestens geschmiert ihren regulären Zugdienst verrichten, wurde ihnen an den zurückliegenden Arbeitstagen für energiespeisenden Dampf mächtig eingeheizt.

Anbrenndienst lautete am Donnerstag der Auftrag an Heiko Maßnick. Am frühen, kühlen Morgen machte sich der Werkstattmitarbeiter hinter den Hallentoren der Hauptwerkstatt an der Hüttenbachstraße daran, zwei Lokomotiven der Baureihe 7K Neubau für den startenden Fahrbetrieb zu präparieren. "Dem optischen Check des Zustandes des Fahrzeuges, zu dem beispielsweise die ordnungsgemäße Standsicherung per Handbremse zählt, folgt zunächst die Kontrolle des Kessel-Flüssigkeitsstandes per Anzeige im Wasserstangenglas im Führerstand. Die Lokomotive ohne den wichtigen Antriebsstoff anzuheizen, würde zu Schäden führen", so der 47-jährige Eisenbahner.

Von der Pike auf gelernt, macht sich der ausgebildete Lokführer mit obligatorischem Kesselwärterlehrgang in der Tasche nun ans Schubkarre fahren. Brennmaterial gilt es herbeizuschaffen. Mit geübten Griffen platziert Heiko Maßnick Steinkohle als unterste Lage in der 2,20Meter langen und 1,07 Meter breiten Feuerstelle. "Oben darauf staple ich herkömmliche Braunkohlebriketts, die sich durch das wiederum darüber entfachte Holz leichter entzünden", erklärt der Thalheimer und fügt schmunzelnd hinzu: "Fast wie früher beim Kachelofen, nur eben andersherum." Nach wenigen Minuten der Brennstoff-Präparation kommt der Augenblick, in dem eine als Streichholz dienende Fackel wieder für erste Flammen im erkalteten Bauch des Antriebsaggregats sorgt.

"Anheizen verlangt ein gewisses Maß an Geduld. Etwa vier bis sechs Stunden sind dafür zu veranschlagen. Ausdauernd wird Brennstoff nachgelegt, die Temperatur soll sich gleichmäßig entwickeln, damit es dem Kesselmaterial nicht schadet." Reichlich 2,5 Kubikmeter des unter 20 Grad warmen Wassers werden nun auf 100 Grad erhitzt. Bis indes erster Dampf aufsteigt, nebelt vorerst Qualm aus halboffener Feuerklappe, meistern die nasekitzelnden Schwaden das Labyrinth durch Rauchkammer und Schornstein, um dann weiter durch eine spezielle Werkstattöffnung zu entweichen. Seit 15 Jahren bei der Fichtelbergbahn tätig, kennt Heiko Maßnick die Szenerie, winters wie im Sommer im Führerstand unterwegs zu sein. "So angenehm die Wärme am Arbeitsplatz ist, erweist sie sich an Hitzetagen als ganz schön schweißtreibend. Immerhin verbrennt die Steinkohle bei voller Lastfahrt bei 1400 Grad Celsius, die Siedetemperatur steigt im Drucksystem bei 14 Bar auf 196 Grad."

Während das Holz endgültig knisternd als Aschekrümel verbrennt, umrundet der Eisenbahner, mit einer Ölkanne in der Hand, das 1956 in Babelsberg gebaute und zur Wende generalüberholte Stahlross. "Die Anheizzeit nutzen wir auch, um uns ans Abölen des Antriebsmechanismus zu machen, gute Pflege sichert reibungsfreien Fahrbetrieb. Akribisch werden Wartungsdienste und Hauptuntersuchungen in unserer Werkstatt durchgeführt." Immerhin schnauft jede der über 50 Tonnen schweren waggonschleppenden Lokomotiven pro Tag 105 Kilometer über das Gleis zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal, spult bergan und hinab diese Tour Monat für Monat herunter.

Als sich Heiko Maßnick zu Schichtende von Ruß und Öl befreit, hat das Feuerchen erheblich Fahrt aufgenommen. "40 Tage stehen die Maschinen in der Regel nun unter Dampf, bevor der sogenannte Plantag folgt. An dem wird die Lok intensiver gewartet, werden die Kessel wieder gewaschen."

Bis zum heutigen Fahrstart haben die Kollegen das Glutnest nicht mehr aus ihrem fachmännischen Auge gelassen. Zwei dampflokbespannte Züge werden nun täglich sechsmal schnaufend und pfeifend in jede Fahrtrichtung verkehren. Angesichts der Hygienebestimmungen wird neben der Fahrkarte von den Passagieren auch ein Mund-Nasen-Schutz gefordert, zudem gilt es, auf die Abstandsregelungen zu achten.

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