Viele Familien in Sachsen fühlen sich in Coronakrise überfordert

Wie kommen Familien in der Coronakrise zurecht? Das wollten wir seit 24. März von den Lesern wissen. Mehr als 2700 Menschen haben den Corona-Frageblock beim Familienkompass 2020, der Gemeinschaftsumfrage von "Freie Presse", "Leipziger Volkszeitung" und "Sächsische Zeitung", beantwortet.

Chemnitz.

Die andauernden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus stoßen bei Familien im Freistaat immer weniger auf Verständnis. Laut einer gemeinsamen Umfrage der drei großen sächsischen Regionalzeitungen hat auch die Zustimmung zu den Kontaktbeschränkungen der Behörden im Verlauf der letzten fünf Wochen deutlich abgenommen. So hielten Ende März rund 11 Prozent der Befragten die Isolationsmaßnahmen für übertrieben, in dieser Woche waren es schon knapp 20 Prozent. Auf uneingeschränkte Unterstützung kann die sächsische Regierung mittlerweile nur noch bei jeder fünften Familie zählen. Zu Beginn der Ausgangssperre gab es die noch von jeder zweiten. Auch die Angst vor einer Coronaerkrankung im eigenen Umfeld ist von rund der Hälfte auf ein Viertel gesunken.

Die Soziologin Nina Weimann-Sandig von der Evangelischen Hochschule Dresden warnt davor, dass es für Eltern zunehmend schwerer werde, berufliche, schulische und private Verpflichtungen aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bringen. Sie ist sich sicher, dass die Coronazeit langfristige negative Auswirkungen auf das Familienleben im Freistaat haben wird. "Meine Hypothese ist, dass sich viele Familien mittlerweile am Rande eines Burn-out befinden. Das verursacht auf Dauer schwerwiegende gesundheitliche Probleme", sagt sie.

Einer der Gründe für die anhaltende Überforderung: Während durch die Lockerungen der Coronabeschränkungen die Betriebe schrittweise wieder öffnen, bleiben Schulen und Kitas vorerst weitgehend zu. Folglich steigt die Belastung für den Elternteil, der weiterhin von zu Hause aus arbeitet.

Das bestätigt auch die Umfrage. So ist der Anteil der Teilnehmer, die wieder wie gewohnt zur Arbeit gehen, seit Ende März um über zehn Prozent angestiegen, komplette Arbeitsausfälle sanken um 20 Prozent. Gleichzeitig gab ein Drittel der Eltern schulpflichtiger Kinder an, das geforderte Unterrichtspensum kaum noch mit den Kindern bewältigen zu können. Zu Beginn der Befragung lag dieser Wert bei rund 25 Prozent. Kinder aus sächsischen Familien, in denen die Eltern ein eher niedriges Bildungsniveau haben, leiden besonders stark. So sind rund zwei Drittel der Eltern ohne Schulabschluss und die Hälfte mit Hauptschulabschluss mit dem Homeschooling voll oder eher überfordert. Unter den Teilnehmern mit Hochschulabschluss ist es nur etwa ein Drittel.

"Durch die Krise rücken soziale Probleme in den Vordergrund", sagt Weimann-Sandig. Alleinerziehende und Familien mit Migrationshintergrund seien besonders betroffen. Wer eh schon über wenig Geld verfügt, kaum Zeit hat und vielleicht die Sprache nicht gut spricht, gerate durch Corona ins Abseits."Wenn Geld fehlt, um notwendige Technik, darunter Tablets und Laptops, für den digitalen Unterricht zu kaufen, werden Kinder noch stärker benachteiligt und isoliert", erklärt die Sozialwissenschaftlerin. Die Umfrage zeigt auch, dass die Gefahr einer Spaltung der sächsischen Gesellschaft durch Corona gestiegen ist. Auch wenn die Befragten ihre eigene wirtschaftliche Lage mittlerweile etwas besser einschätzen als noch zu Beginn der Maßnahmen, sind doch signifikante Unterschiede sichtbar. So schätzten über den Umfrage-Zeitraum hinweg 67,4 Prozent der Teilnehmer mit Abitur ihre finanzielle Situation trotz Corona als mindestens gut ein, die Gruppe derjenigen mit Hauptschulabschluss teilt diese Meinung nur zu 30 Prozent. Entscheidend ist hier auch das Alter. Zwei Drittel der Befragten im Alter von 40 bis 69 Jahren gaben an, ökonomisch gut aufgestellt zu sein, bei den 18- bis 29-Jährigen waren es nur rund 37 Prozent.

Junge Familien mit niedrigem Bildungsstand fühlen sich in der Coronakrise von der Politik am meisten im Stich gelassen, so eines der Umfrage-Ergebnisse. "Sicherlich ist es notwendig, die Öffnung von sozialen Einrichtungen aus dem Bereich der offenen Jugendhilfe - die Kindern aus belasteten Familien Angebote unterbreiten - in die nächsten Lockerungsschritte analog zur perspektivischen Öffnung von Kitas und Schulen einzubeziehen", sagte die sächsische Familien- und Sozialministerin Petra Köpping (SPD). Für Familien und Kinder stehe im Freistaat aber auch während der Coronapandemie ein breites Angebot an Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung.

Die Notbetreuung für Kinder müsse zunächst Eltern vorbehalten sein, die in systemrelevanten Branchen tätig sind, um die Gruppen möglichst klein zu halten. In der Familienkompass-Umfrage hatten nur 11 Prozent der Befragten angegeben, Betreuung und Arbeit gut vereinbaren zu können. Sie verstehe aber, dass in vielen sächsischen Familien die Sorge um die Zukunft "erdrückend" sei, so Köpping. Deshalb würden die staatlichen Hilfen wie Kindergeldanpassung und Entschädigungsanspruch bei Arbeitsausfall fortlaufend angepasst. "Familien zu unterstützen, die kommende Zeit unbeschadet zu überstehen, hat für mich Priorität", sagte Köpping.

Familien aufgepasst: Wir wollen wissen, was Sie bewegt!

Sachsens große Tageszeitungen und die Evangelische Hochschule Dresden möchten gemeinsam dem Lebensgefühl von Familien in Sachsen auf den Grund gehen. Bitte nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, den Fragebogen zu beantworten. Ihre Meinung trägt dazu bei, Ihren Wohnort noch familienfreundlicher zu machen. Ihre Daten werden streng vertraulich behandelt und ohne Personenzuordnung wissenschaftlich ausgewertet. Als Dankeschön für Ihre Teilnahme haben Sie die Möglichkeit, tolle Preise zu gewinnen.

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    11
    2PLUTO6
    25.04.2020

    Wer immer noch glaubt, daß das was gerade passiert, reiner Zufall ist, dem ist nicht mehr zu helfen!

  • 11
    11
    ma27nd08y
    25.04.2020

    @2PLUTO6, ich bin genau deiner Meinung und das von Anfang an, leider gibt es auch sehr viele die da echt Panik schieben und andere echt verrückt machen. Jeder soll seine Meinung haben und ich habe eben diese Meinung. Es kann nicht sein das jährlich soviele Menschen an anderen schweren Krankheiten sterben und bei Corona so ein Drama daraus gemacht wird und viele ihre Existenz verlieren. Irgendwas wird geplant und wenn es nur die Abschaffung des Bargeldes ist(ist ja schon fast gelungen), aber da gibt es noch so viele Themen. Es gibt diesen Virus bestimmt aber definitiv nicht so das man so wie es gerade passiert alle kontrollieren muss.

  • 8
    20
    ChWtr
    25.04.2020

    Man kann es so sehen.
    Und letztlich muss man solche Gedankengänge auch akzeptieren.
    Respektieren kann ich es nicht, denn an solche abstrusen Gedankenspiele möchte ich mich nicht beteiligen.
    Es gibt viele Dokumentationen, auch Spielfilme über derartige Denkweisen, Romane sowieso. Nun soll die Realität herhalten? Nein Danke! Vieles ist denkbar und viele Schweinereien passieren. Die Ansichten von Xavier Naidoo teile ich nicht, auch die von Pluto nicht.

    "Wie weit kann man gehen (...)"
    "Wie reagiert das Individuum (...)"
    " Wie läßt sich (...) - wie kann man (...)"

    Habe schon lange hier im Forum drauf gewartet. Es werden selbstverständlich alle (un)möglichen Richtungen bedient.

    Der Klimawandel schreitet auch in COVID-19 Zeiten voran. Das ist das eigentliche, viel unermessliche Problem. Menschengemacht (!), zwar nicht ausschließlich, aber einen gehörigen Anteil vom Homo sapiens. Darüber sollten wir ernsthaft nachdenken. Die Belastbarkeit unseres Planeten ist begrenzt. Corona ist da wirklich nur Pillepalle!

  • 23
    8
    2PLUTO6
    25.04.2020

    Vorangestellt sei, daß keiner von uns auf eine leichtsinnige Art und Weise, durch das Virus, welches es auch immer, und vor allem auch in Zukunft sein wird, sterben will.
    Denn eines ist sicher, das ist erst der Anfang und es werden immer öfters derartige Situationen auf uns zukommen! Das war nicht die letzte Pandemie oder Epidemie.
    Aber je meht man darüber nachdenkt, kommt es einem wie eine große Übung vor!
    Wie weit kann man gegen, wieweit ist der Mensch und die Gesellschaft belastbar!!
    Wie reagiert das Individuum und ein Volk in einer derartigen Krisensituation.
    Wie läßt sich der Mensch beeinflussen!? Wie kann man eine bestimmte Richtung vorgeben!
    Alles Fragen, die mir im Moment so durch den Kopf gehen!