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Bremst Sachsens Regierung den Ausbau der Windenergie im Freistaat aus? 882 Windräder werden sich bis zum Ende des Jahres in Sachsen drehen - zwölf mehr als ein Jahr zuvor.

Foto: Arne Dedert/dpa

Freistaat fällt beim Ausbau der Windenergie weiter zurück

Sächsische Windparkentwickler fühlen sich von der Landesregierung gezielt ausgebremst. Einige machen inzwischen schon einen Bogen um ihr eigenes Bundesland - und schaffen anderenorts Hunderte Jobs.

Von Jürgen Becker
erschienen am 23.10.2017

Chemnitz. Bis Ende des Jahres werden sich voraussichtlich 882 Windräder im Freistaat drehen. Das sind zwölf mehr als ein Jahr zuvor. Rein rechnerisch könnte mit den rund 2000 Gigawattstunden, die die Windmüller im Freistaat im Jahr produzieren, schon der Strombedarf von rund jedem dritten sächsischen Haushalt gedeckt werden. Beim Ausbau der Windenergie tritt der Freistaat aber schon seit langem auf der Stelle - und fällt deshalb im Bundesländervergleich immer weiter zurück.

Zuletzt lag der Anteil der Windenergie an der Bruttostromerzeugung in Sachsen laut Bundesverband Windenergie (BWE) bei 3,7 Prozent. Im Nachbarland Sachsen-Anhalt lag der Wert bei knapp einem Drittel, in Thüringen bei rund einem Viertel. Inzwischen produzieren nur noch Berlin, das Saarland und die beiden kleinen Stadtstaaten Bremen und Hamburg weniger Energie aus Wind als Sachsen. Das hat Hans-Jürgen Schlegel, bis zu seinem Ruhestand 2008 Klimareferent im Landesumweltamt und heute unter anderem für den Bundesverband Windenergie (BWE) tätig, ermittelt. Er fordert: "Wir brauchen ein Klimaschutzgesetz - und die Strafen für Verstöße dagegen müssten ins Strafgesetzbuch, damit auch Amtsträger zur Verantwortung gezogen werden."

Denn der Windenergieverband wirft Sachsens Regierung vor, den Ausbau der Windenergie im Freistaat gezielt auszubremsen. "Die sächsische Energiepolitik besteht nur aus Lausitzer Braunkohleromantik, und das muss ein Ende haben", sagt der BWE-Landesvorsitzende Martin Maslaton. "Windenergie wird durch eine falsche und aggressive Planung im Innenministerium unmöglich gemacht." Es werde sich erst etwas ändern, wenn alle Entscheidungsträger im Ministerium durch neue Leute ersetzt worden seien. In Sachsen firmiere die Windenergie als Feindbild. "Auf Bundesebene macht sich Sachsen lächerlich", sagt Maslaton.

Das Innenministerium weist diese Vorwürfe zurück. Es sei gar nicht dafür zuständig, Flächen für die Windenergienutzung festzulegen, so eine Sprecherin. Diese Aufgabe liege bei den vier Regionalen Planungsverbänden. Doch die tun sich seit Jahren schwer, neue rechtskräftige Regionalpläne mit geeigneten Flächen aufzustellen, auf denen die Windkraft Vorfahrt hat. Zu seinem aktuellen Entwurf hat der Verband in Südwestsachsen zum Beispiel Tausende Einwendungen und Hinweise erhalten. Etliche Bürgerinitiativen stemmen sich zudem gegen Windräder vor ihrer Haustür. Mit einem neuen Plan für Südwestsachsen ist nun frühestens im Laufe des kommenden Jahres zu rechnen. "Ich wäre froh, wenn es diesen Plan schon jetzt gäbe", sagt Verbandschef Maslaton, der zugleich Rechtsanwalt ist. "Denn als Anwalt könnte ich ihn dann zerpflücken."

Vor allem ein Passus im aktuellen Entwurf bringt die Branche in Rage: Windturbinen mit weniger als 750 Metern Abstand zur Wohnbebauung sollen nur noch bis zu einer Gesamthöhe von 100 Metern zulässig sein. Windenergieexperte Schlegel rechnet vor: Eine Anlage mit zum Beispiel 137 Metern Nabenhöhe kann rund 6200 Megawattstunden pro Jahr erzeugen, eine mit 67 Metern Nabenhöhe dagegen nur 2000. "Das sind 221 Prozent weniger", sagt Schlegel. "Wir brauchen Windräder mit der größtmöglichen Nabenhöhe und dem größtmöglichen Rotordurchmesser, damit wir nicht Hunderte zusätzlich aufstellen müssen, um die Klimaschutzziele zu erreichen."

Eine Höhenbegrenzung für Windräder setzt der Meißener Windparkentwickler Gernot Gauglitz, Chef der Unternehmensgruppe UKA, mit einem Bauverbot gleich. "Alles weit unter 150 Metern Nabenhöhe ist nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt er. Denn die Bundesregierung hat zum einen den Windenergiezubau gedeckelt. Zum anderen wurde aber auch ein neues Ausschreibungsverfahren eingeführt, bei dem nur noch derjenige Windräder errichten darf, der seinen Öko-strom für die geringste Einspeisevergütung anbietet.

Dabei kommen entgegen vorheriger Prognosen jetzt vor allem Bürgerenergiegesellschaften zum Zuge. Sie haben den Vorteil, dass sie keine kostenträchtige Genehmigung ihres Projekts nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz vorweisen müssen, um an der Ausschreibung teilnehmen zu dürfen. Zudem gewährt ihnen das Gesetz einen längeren Zeitraum zur Errichtung der Windparks. Dadurch können sie bei ihrer Preiskalkulation auf sinkende Anlagenkosten spekulieren.

Der Meißener UKA-Chef Gauglitz hat Konsequenzen gezogen. "Ich habe meinen Leuten gesagt: Vergesst Sachsen!", erzählt er. Wenn er seine rund 400 Mitarbeiter allein von den Projekten in Sachsen bezahlen müsste, hätte er sie längst entlassen müssen. "Ich habe zwar meinen Sitz hier", sagt Gauglitz. "Hunderte Stellen habe ich aber in anderen Bundesländern geschaffen - und das nur wegen der Politik in Sachsen."

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 25.10.2017
    10:33 Uhr

    Zeitungss: Wer auch immer der rote Daumen war, sollte sich einmal mit dem Inhalt des EEG befassen. Was dort festgeschrieben ist und in die Tat umgesetzt wurde, ist eine Vergewaltigung der Marktwirtschaft.
    Gewinnsubventionierung und deren Absicherung durch die Stromkunden (ausser den befreiten Großverbrauchern) ist schon ein Verfahren, welches mit Marktwirtschaft nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Ein Preisvergleich für 1 Kwh an der Strombörse plus Transport und beim Kunden sollte manchen Zeitgenossen die Augen öffnen. Vergessen wir nicht die Überproduktion, welche als SPENDE dem Ausland aufs Auge gedrückt wird. Es wäre sinnvoll, all diese "Kraftwerksbetreiber" endlich in die ALLES regelnde Marktwirtschaft zu entlassen.
    Ich bin überzeugt, die Lobbyisten werden das natürlich nicht wollen.

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  • 24.10.2017
    14:46 Uhr

    Tauchsieder: Ein neuer Messias ist uns erschienen!
    Einer der den Energieerhaltungssatz in Frage stellt, dass Prinzip aller Naturwissenschaften.
    Und was die später entstehenden Seen betrifft wird dort vielleicht auch die gefährdete Spezies der "Kastenfrösche" leben. Ganz abgesehen von den Menschen in ihren neuen, schicken Häusern, die umgesiedelt werden mussten.

    6 2
     
  • 24.10.2017
    12:42 Uhr

    Zeitungss: Müssten die Subventionsabschöpfer ihre Anlagen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen betreiben und ihr Produkt auch dort loswerden, würde die Landschaft heute ganz anders aussehen. Wer von der EEG-Umlage befreit ist, darf sich mit reichlich roten Daumen bemerkbar machen. Die heilige Kuh der Marktwirtschaft will man nicht überall.

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  • 24.10.2017
    12:38 Uhr

    Kastenfrosch: >Und was die erneuerbaren Energien betrifft, es gibt sie NICHT !

    Der Begriff mag Sie irritieren, aber ich kann Sie beruhigen: es gibt sie.

    >Schön für die Sachsen, schlecht für die Subventionsabschöpfer.

    Tagebaulöcher sind einfach schön anzusehen, nicht? Und dabei auch noch regional begrenzt. Später machen wir dann einen See daraus, um die Natur noch schöner zu machen. Alles pa­let­ti, wenn nur die Kohlevorkommen nicht begrenzt wären. Muss man für die Zukunft schon einen Mangel an Seen fürchten?

    4 2
     
  • 24.10.2017
    07:21 Uhr

    Tauchsieder: Schön für die Sachsen, schlecht für die Subventionsabschöpfer.
    Und was die erneuerbaren Energien betrifft, es gibt sie NICHT !
    Energie kann sich nicht erneuern, diese würde dem Energieerhaltungssatz widersprechen.

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