Kneipe trotzte auch Großbrand

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Gastwirtschaft "Stadt Leipzig" (Folge 59)

Werdau.

Bis zum Jahr 1834 schloss das Niedere Tor den Werdauer Marktplatz nach Norden hin zur Kreuzung Brühl/Schulgraben (heute Leipziger Straße) ab. Diesen Stadtbereich und die von der Kreuzung nordwärts führende schmale Straße mit ihrer außerhalb der Stadtmauer liegenden Bebauung nannte man noch bis 1866 Niedere Vorstadt.

Mit der ständig weiteren Zunahme des Straßenverkehrs im 20. Jahrhundert wurden eine dort vorhandene Brücke mit ihrer schmalen Bauweise und die einzelnen vorstehenden Eckgebäude in der Straße zunehmend zu Verkehrshindernissen. Um diesen Straßenbereich zu "entschärfen", begann man bereits 1929 mit dem Abbruch des Eckgebäudes Leipziger Straße Nummer 2. In diesem Haus wurde der Werdauer Chronist Franz Otto Stichart geboren. 1938 folgte der Abbruch des an der Ecke zum Brühl fast in Straßenmitte stehenden Lenk-Gebäudes Haus Nummer 1. Ab 1975 erfolgte der Abbruch der alten Fachwerkhäuser am Schulgraben und danach bis 1988 der Abbruch aller stadtauswärts rechtsseitigen Gebäude der Leipziger Straße. Damit war es möglich, die Straßenführungen völlig neu zu gestalten. Die einstige Schulstraße (heute Zum Sternplatz) wurde begradigt und dabei direkt über die Pleißebrücke zum Sternplatz geführt. Mit der teilweisen Neubebauung an der linken Seite der Leipziger Straße ist von der ursprünglichen Straßenführung nur ein kurzes Stück geblieben.

Bereits mit den Anfängen der Bebauung der Leipziger Straße, vor allem aber zum Beginn des 19. Jahrhunderts, entstanden in diesem Gebiet neben vielfältigem Handwerk und Gewerbe sogar kleinere Produktionsstätten und natürlich auch mehrere Schankwirtschaften. An die Stelle des abgebrochenen Lenk- Hauses Nummer 1, wurde das mächtige Wohn- und Geschäftsgebäude der Klempnerfirma Ernst Hartenstein, von da an aber mit der Anschrift Brühl 81, errichtet. Heute ist hier ein Textilgeschäft ansässig. Auch die beiden schon kurz nach 1900 errichteten Gebäude Leipziger Straße Nummer 3 und 5 wurden etwas von der Straße zurückgesetzt erbaut. Im Haus Nummer 3 war bis Anfang der 1970er-Jahre die Buchdruckerei von Walter Klein eingerichtet. Später verkaufte hier die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) ihre Waren. 1991 belegte kurze Zeit die Raiffeisenbank diese Räume.

Durch den Abbruch der vielen kleinen Häuser und der nach 1990 erfolgten Neubebauung ist die Hausnummerierung völlig verändert und die Zuordnung ehemaliger Gewerbe zu heutigen Gebäuden nur bedingt möglich. So folgt heute auf die Haus Nummer 5, in der sich eine Landbäckerei befindet, das Haus Nummer 19. Die weiterführende Häuserzeile endet mit der Haus Nummer 31.

Im Haus Nummer 7 hatte der Uhrmacher Gottfried Völkel seine Werkstatt (heute ist das Geschäft am Markt 35). Die Familie Wolf betrieb im Haus Nummer 9 eine Seilerei. Das Haus Nummer 13 war mit einer Breite von nur vier Metern das wahrscheinlich schmalste Haus in Werdau. Es gehörte der Firma Schröder & Teichmann und diente als Wohnung für eine Arbeiterfamilie. Georg Fröhlich hatte im Haus Nummer 19 einen Autohandel und eine Feilenhauerei. In Nummer 21 war die Fleischerei von Reinhold Golle. Die heutige Häuserreihe Nummer 19 bis 23 ist ein Neubau. Mit den folgenden Häusern 25 bis 31 sind noch vier ältere Gebäude erhalten, die teilweise umfassend saniert wurden. Die Geschäftsräume eines ehemaligen Kosmetikstudios in den Räumen der vormaligen "Hahndrogerie" im Haus Nummer 25 stehen heute leer. Das langjährig von der Familie Wittig betriebene Kurzwarengeschäft mit Nähmaschinen-Reparatur im Haus Nummer 27 hat auch keinen Nachfolger gefunden.

Nur im Haus Nummer 29 spürt man noch den ehemaligen "Gewerbegeist". Dabei gab es bereits im Vorgängerbau dieses heute wieder prächtigen Gebäudes eine kleine Restauration, die Heinrich Meinhold 1869 zu seiner Fleischerei eröffnete. Albin Engelmann wurde 1897 neuer Besitzer und führte die Restauration nun unter seinem Namen weiter. Am 3. November 1911 kam es in diesem Straßenbereich zu einem folgenschweren Großbrand, bei dem die drei alten Häuser mit den Nummern 31, 33 und 35 äußerst stark betroffen waren. Engelmanns Haus war so beschädigt, dass er sein Restaurant aufgeben und aus dem Haus ausziehen musste. Er verlegte das Restaurant noch 1911 in die Leipziger Straße 37 und führte dort sein Schankgewerbe weiter. 1912 begann man mit dem Neubau zweier großer, moderner Wohn- und Geschäftshäuser. Bereits Ende 1912 konnte Engelmann seine Restauration zurückverlegen und wiedereröffnen. Er nannte das neue Restaurant von nun an "Stadt Leipzig". Nach weiteren Besitzern wurde 1937 Erwin Karohl neuer Betreiber des nun als Gaststätte bezeichneten Restaurants. Zwischen 1943 und 1946 blieb die Gaststätte geschlossen. 1948 wurde Annianne Maly neue Pächterin. Da sie 1950 aus Werdau verzog und sich danach kein weiterer Pächter für diese Gaststätte interessierte, wurde sie geschlossen. Der Kreisverband der NDPD belegte daraufhin einige Räume. Dazu kam kurzzeitig ein Haus- und Küchengerätegeschäft. Nach 1990 richtete sich in den ehemaligen Gaststättenräumen eine Fahrschule ein, die auch heute noch Bestand hat.

Interessant ist auch die Historie der Geschäfte, die sich ehemals im rechten Gebäudeteil befunden haben. 1933 eröffnete Emma Näbrich hier in den Räumen eine "Schokoladen- und Zuckerwarenhandlung", die 1934 von Lisbeth Doller übernommen wurde. Bereits Mitte der 1950er-Jahre kam dann der Verkauf von Speiseeis hinzu. Der Begriff: Wir gehen zur "Eis-Dollern" hat sich seinerzeit bei vielen Werdauern eingeprägt. Das Geschäft wurde bis kurz nach der Wende weiterbetrieben. Dann zog der heute noch ansässige Friseursalon ein.

Das anschließend folgende große Wohn- und Geschäftshaus Nummer 31 wurde 1913 fertiggestellt. Ins Parterre zog Ernst Geschwind mit seiner "Germania-Drogerie" ein. Im Jahr 1931 übernahm das Bettenhaus "Faulpelz" die Geschäftsräume. Der Filialleiter Willy Graf schied 1933 aus und eröffnete dort sein eigenes Geschäft, das er bis 1960 als "Bettenhaus Graf" weiterbetrieb. Nach Übernahme durch die HO eröffnete diese ein Möbelhaus. Bereits ab 1964 wurde der HO-Imbiss vom Mühlgraben 5 in diese Räume verlegt. Nach 1990 zog ein Küchenfachgeschäft ein. Seit 2019 ist diese Filiale geschlossen und dient nur noch als Ausstellungsfläche.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.

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