Mittelsachsen im Ausnahmezustand

Die bedingte Ausgangssperre zeigt Wirkung: Denn es sind kaum Menschen auf den Straßen unterwegs, auch weil kaum mehr ein Geschäft offen hat. Und so mussten Ordnungsamt und Polizei kaum einschreiten.

Freiberg.

Leer, aber nicht überall leer gefegt - so lässt sich die Lage am Tag eins mit den verschärften Ausgangsbeschränkungen in Mittelsachsen zusammenfassen. Sei es in der Freiberger Innenstadt, sei es am Mittweidaer oder Rochlitzer Markt. Überall laufen vereinzelt Menschen umher. Nur noch wenige Läden wie etwa Bäcker und Postshops haben geöffnet. Die Polizei teilte am Montagnachmittag mit, dass im Landkreis keine Verstöße gegen die Vorschriften festgestellt wurden. Ähnliches berichten Städte und Gemeinden (siehe nebenstehender Beitrag).

Derweil steigt die Anzahl der Corona-Infizierten weiter an. Montag zählte das Landratsamt 35 Infizierte, elf mehr als am Freitag. 105 Menschen befinden sich derzeit in Quarantäne. Auch wenn die Pandemie die Region im Griff hat, gebaut wird weiter. So wurde beispielsweise auf der gesperrten Richtungsfahrbahn der B 173 zwischen Chemnitz und Niederwiesa der alte Asphalt abgefräst. Auf der anderen Fahrbahn rollt der Verkehr wie an einem normalen Tag. Anfang Juli soll die Fahrbahnerneuerung in beide Richtungen abgeschlossen sein. So weit wagt derzeit kaum jemand vorauszuschauen.

Jan Prager (50) steht vor dem Edeka-Markt in Niederwiesa und erklärt Kunden, dass sie nur mit einem Einkaufswagen hinein dürfen. 20 Wagen sind abgezählt, so viele Menschen dürfen maximal in den Supermarkt. Prager ist eigentlich Inhaber der MDP Eventlogistik in Flöha. Die Firma hat für seine 18 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Es gibt aktuell nichts zu tun. Dabei waren die Kalender mit Festen, Feiern und Veranstaltungen so gut gefüllt wie selten. Jan Prager und Manuel Grießbach versuchen für ihre Mitarbeiter andere Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden. So ergab sich die Zusammenarbeit mit Christian Gabriel, der in Niederwiesa, Flöha und in Oederan Edeka-Märkte betreibt und dessen Mitarbeiter derzeit unter Hochdruck arbeiten.

Ein paar Kilometer weiter am Steilen Weg in Flöha hat Benjamin Seidel ein anderes Problem: Der Kälteeinbruch mit Nachtfrost hat die Aussaat von Ackerbohnen und Hafer auf den Feldern ins Stocken gebracht. Aber noch ist März und somit Zeit. Die Corona-Krise trifft den Geschäftsführer der Agrargesellschaft Flöhatal bisher kaum. "Es gibt ein paar Lieferengpässe bei Dünger und Saatgut und wir warten auf Maschinen-Ersatzteile aus Frankreich", sagt Seidel. Die Agrargesellschaft beschäftigt drei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräfte und bewirtschaftet gut 500 Hektar Fläche.

Manuela May schiebt im Ferienhof Falkenau eine Schubkarre mit zwei Gießkannen vor sich her. Der Ferienhof ist nach der Winterpause bereit für den Saisonstart. Doch der fällt wegen staatlich verordneter Schutzmaßnahmen aus. "Unser Kalender war dieses Jahr voll wie nie", sagt sie. Jetzt sind Feiern und Feste und - noch wichtiger - die Klassenfahrten abgesagt. Vor den Sommerferien wird sich daran nichts ändern, bemerkt May, die für ihre sechs Mitarbeiter auch Kurzarbeitergeld beantragt hat. In Falkenau sind am Mittag nur vereinzelt Menschen zu sehen.

Auf dem Gehweg an der Straße des Friedens kommt Birgit Löber gelaufen. Sie schwingt ihre Walking-Stöcke. Normalerweise geht die ehemalige Polizistin dreimal die Woche ins Fitnessstudio. Jetzt läuft sie täglich ihre Runde an der frischen Luft. Sie müsse raus und sich bewegen. Ob sie Angst vor dem Virus habe? "Nein", sagt die 72-Jährige, sie sei vorsichtig, aber nicht hysterisch. Zehn Kilometer weit will sie heute laufen.

Sport bestimmt auch das Leben von Andreas Hoblik. Der 47-Jährige hat nur noch die Werkstatt des gleichnamigen Fahrradgeschäftes an der Wettinstraße in Brand-Erbisdorf geöffnet, das er seit 2013 mit seinem Bruder Volker führt, das es aber sehr viel länger gibt. Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass immer nur ein Kunde den Laden betreten darf. Wie viele Kunden am heutigen Montag da waren? "Zwei", sagt Andreas Hoblik. Ohne die Corona-Beschränkungen könnte er an einem sonnigen März-Tag mit 100 Kunden rechnen. Fahrräder werden nicht mehr verkauft. Das schmerzt, weil jetzt die neue Saison beginnt und die Lager sprichwörtlich bis unters Dach gefüllt seien. Wie viele Kunden "Wir haben in der Vergangenheit gut gewirtschaftet, unserer Kosten sind überschaubar. Deshalb können wir vielleicht vier Wochen überstehen", sagt Hoblik. Was danach wird, weiß er nicht. Die Werkstattdienstleistungen reichen jedenfalls nicht, um die vier festangestellten Mitarbeiter, die beiden Pauschalisten und die weiteren Kosten zu finanzieren. "Dann wäre es sinnvoller, das Geschäft zu schließen", sagt er.

Weitere Hinweise zur Corona-Krise auf den folgenden Seiten und im Internet unter www.freiepresse.de/corona


Die meisten Leute halten sich jetzt an die Regeln

Die Mitarbeiter der Ordnungsämter der Region haben seit Tagen einiges zu tun. Auch am Montag zogen sie los, um die Einhaltung der bedingten Ausgangssperre zu kontrollieren.

Brand-Erbisdorf läuft es laut OB Martin Antonow "sehr geordnet". Er musste am Montag aber eine Anzeige wegen eines Verstoßes gegen die Allgemeinverfügung erstatten. "Derzeit halte ich sporadische Kontrollen im Stadtgebiet für ausreichend."

In Freiberg mussten laut OB Sven Krüger vereinzelt Bürger auf offener Straße ermahnt werden, Gruppenbildungen zu vermeiden. Zudem wiesen sie in Gaststätten darauf hin, dass Hol- und Bringedienste erlaubt sind, nicht aber das Hinsetzen. Krüger zufolge gibt es Probleme bei der Auslegung der Ausgangsbeschränkung. So seien bereits Fragen zum Wohnumfeld aufgetaucht: Wie weit ist dies gefasst? Dazu Krüger: "Grob kann man dazu sagen, dass zum Wohnumfeld gehöre, was fußläufig erreichbar ist."

In Hainichen musste laut Stadtchef Dieter Geysinger (SPD) das Ordnungsamt "noch keine Strafe aussprechen". Und auch die Polizei habe nur wenige ermahnt. Auf den gestiegenen Aufwand mit den Kontrollen hat die Stadt reagiert. "Wir haben Mitarbeiter aus der Verwaltung zum Ordnungsamt versetzt, um die Kontrollen zu gewährleisten." Ein ähnliches Bild in Mittweida: Auch hier wurden kaum Verstöße festgestellt.

In Penig haben die Politesse und

die Bürgerpolizistin überprüft, ob Geschäfte, die nicht öffnen dürfen, dennoch geöffnet haben. Verstöße seien nicht festgestellt worden, so Ordnungsamtsleiter Gert Benndorf.

In Rochlitz würden die Regeln ebenfalls größtenteils befolgt, wie Hauptamtsleiter Mario Rosemann bestätigt. "Auf den Spielplätzen und auf der BMX-Strecke gab es keine Probleme." Alle hätten sich diszipliniert verhalten. Trotzdem: Die Verwaltung und die Bürgerpolizistin leisten zurzeit viel Aufklärungsarbeit. "Die Leute sind verunsichert, was die Regeln im einzelnen bedeuten. (frgu/hh/jl/ule)


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