Verbummelfritzen: Wie viel Vergesslichkeit normal ist

Ein Psychologe aus Chemnitz erklärt, wann Kinder besonders viel vergessen und wie Eltern reagieren sollten.

Elternforen sind voll von Berichten wie diesem: "Was mache ich nur mit diesem Kerl? Die vierte Sporttasche innerhalb von zwei Jahren - voll mit drei Paar Turnschuhen, Vereinsklamotten und Handy - einfach weg. Er hat noch nicht mal eine Idee, wo das Zeug abgeblieben sein könnte." Andere schreiben, wie viele Federtaschen sie schon ersetzt haben. Oder dass ihr Kind sogar so verträumt sei, komplett ohne Schulsachen in den Schulbus zu steigen. Die Eltern schreiben das alles mit Humor, doch den wenigsten scheint es dabei wirklich zum Lachen zumute zu sein. Sie eint aber die Erkenntnis, dass ihr Kind kein Einzelfall ist.

"Ein gewisses Maß an Vergesslichkeit ist bei Heranwachsenden normal. Selbst dann, wenn jeden Tag irgendetwas fehlt", bestätigt der Psychologe und Familientherapeut Ekkehardt Vogel von der Stadtmission Chemnitz. Die Vergesslichkeit sei besonders in Zeiten von Umbrüchen groß, zum Beispiel beim Wechsel vom Kindergarten zur Schule oder von der Grund- zur weiterführenden Schule. "Da sind den Kindern andere Dinge wichtiger." Eine völlig neue Situation sei es für Schüler auch, wenn sie einen Spind zum Einschließen ihrer Sachen nutzen können. "Dann müssen sie jeden Tag neu entscheiden, was sie für die Hausaufgaben oder zum Lernen zu Hause brauchen und mitnehmen müssen." Das überfordere sie am Anfang meist sehr.

Im Forum wird auch Mobbing als Grund für fehlende Sachen genannt. Vogel zufolge zeigten von Mobbing betroffene Kinder aber meist auch andere Verhaltensweisen: Sie ziehen sich zurück, die schulischen Leistungen lassen nach oder sie wirken unglücklich. Sei das beim eigenen Kind alles nicht der Fall, sei es einfach Vergesslichkeit, mitunter aber auch Berechnung: "Die Kinder verkaufen etwas, um finanziell flüssig zu sein. Sie wissen, dass ihre Eltern die Sachen sowieso nachkaufen."

Auch die Mutter im Elternforum hat wieder alles neu gekauft. Sie begründet: "Er hat ja schließlich wichtige Punktspiele. Ich finde es fies, ihn sich allein darum kümmern zu lassen. Das packt er nicht."

Doch zum Erwachsenwerden gehöre es auch, die Folgen seines Handelns tragen zu lernen. Dazu seien Jugendliche durchaus in der Lage. Ekkehardt Vogel: "Es geht dabei nicht um Bestrafung, sondern um die natürliche Konsequenz, die eintritt, wenn ich etwas vergesse oder verliere." Werde ihnen durch die Fürsorge der Eltern die Verantwortung dafür abgenommen, hätten sie keinen Grund, künftig besser aufzupassen. Deshalb rät der Psychologe auch davon ab, Kindern vergessene Sachen nachzutragen. Wichtig sei aber das Gespräch - ohne Vorwürfe, denn die brächten nichts. Besser seien konstruktive Fragen, wie: "Was brauchst du, damit du künftig an deine Schulsachen denkst?" oder "Wie können wir dich unterstützen, damit du deine Sporttasche nicht mehr vergisst?" Damit motiviere man die Kinder, selbst einen Ausweg aus der auch für sie peinlichen Situation zu finden. Die Lösung könnte sein, für die Sporttasche einen Platz nah am Ausgang zu finden, mit Handy-Erinnerungen oder Notizzetteln zu arbeiten. Die Eltern sollten als Partner auftreten und dem Kind kein Gefühl des Versagens geben.

Materielle Dinge haben heute aber auch nicht mehr so einen hohen Stellenwert wie früher. Marcello Meschke, Schulleiter am Bertolt-Brecht-Gymnasium Dresden, spricht von einem Wohlstandsproblem. "Ich wundere mich immer wieder, dass komplette Schultaschen, Markenklamotten oder Handys nicht vermisst werden." Die Sachen lägen oft wochenlang in der Schule. Zu Elternabenden würden dann große Tische aufgebaut und mit Fundsachen gefüllt. "Offenbar haben die Kinder genug Auswahl oder bekommen gleich alles neu", so seine Vermutung.

Ekkehardt Vogel lehnt den Neukauf aber nicht grundsätzlich ab. Befinde sich das Kind in einer schwierigen Situation, könnten Eltern über die Vergesslichkeit hinwegsehen, um es nicht zusätzlich zu belasten. Dabei dürfe man ältere Kinder durchaus an den Kosten beteiligen. "Doch einfach nur Geld zu fordern, bringt selten Erfolg. Es hat keinen erzieherischen Wert." Wirkungsvoller sei es, wenn Kinder bestimmte Aufgaben übernehmen. "Die Konsequenz muss jedoch verhältnismäßig und angemessen sein." So habe eine Woche Fernseh- oder Daddelverbot nichts mit der vergessenen Sporttasche zu tun. Sohn oder Tochter könnten auch selbst festlegen, was sie tun wollen, wenn der Gegenstand das nächste Mal verschwindet. "Die Anstrengung des Suchens oder Wiederbeschaffens muss für das Kind in jedem Fall größer sein als die Anstrengung, gleich besser aufzupassen."

Der Psychologe greift damit das Beispiel aus dem Elternforum auf, in dem die Mutter ihrem Sohn nicht zutraut, sich selbst um den Ersatz seiner Vereinsklamotten zu kümmern. Aus psychologischer Sicht sei das sogar der effektivste Weg für den Jugendlichen und die Eltern, um ihn zu mehr Achtsamkeit zu erziehen. Denn: "Es gehört schon etwas dazu, zum Trainer zu gehen, den Verlust der Sportkleidung einzugestehen und um neue Ausrüstung zu bitten." Schulleiter Meschke beobachtet eine solche zaghafte Trendwende bereits. Denn es fragten heute mehr Schüler selbst nach ihren vergessenen Sachen. "Eltern oder Großeltern kommen nur noch bei den Jüngeren, oft sogar zusammen mit dem Kind."

Dauerhaft könnten Schulen die Sachen aber nicht aufbewahren. Der Raum in seiner Schule quelle ohnehin schon über, wie Meschke sagt. "Fundsachen werden bei uns ein Schuljahr und die ersten vier Wochen des neuen Schuljahres aufbewahrt." In dieser Zeit gebe es Elternabende und viele andere Gelegenheiten, Verbummeltes wiederzubekommen. Nach dieser Frist würden Kleidungsstücke verpackt und an die Dresdner Tafel gespendet. Trinkflaschen und Brotdosen, die schon ganze Wände füllen, würden dann entsorgt.

So wichtig wie eine Konsequenz für Verbummeltes sei aber auch das Lob, wenn alles gut geklappt hat. Eltern könnten sich zusammen mit ihren Kindern ein Belohnungssystem überlegen für jeden Tag, an dem nichts vergessen wurde. Das Ganze hätte aber nur Erfolg, wenn die Eltern selbst ein gutes Beispiel seien. Kauften sie lieber schnell einen neuen Schirm, ehe sie im Verkehrsbetrieb nach dem vergessenen Stück fragen, könnten sie von ihren Kindern keine Achtsamkeit erwarten.

Die Eltern im Forum berichten von Erfolgen bei ihren Kindern, wenn sie ihnen verbummelte Sachen nicht durch schicke neue ersetzen, sondern "den letzten uncoolen Mist kaufen, den es gerade gibt." Für den Psychologen klingt das zwar hart, gehe aber in die richtige Richtung. "Der Ersatz von verlorenen Dingen darf nicht zur Belohnung werden." Da könne es ruhig mal das alte Lineal vom Großvater sein, wenn es noch seinen Zweck erfüllt.

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